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Nietzsche Wille zur Macht
© Björn Höller

Wille zur Macht

Gibt es einen Gedanken, der alle anderen Gedanken umspannt? Eine Aussage, die auf jeden Umstand zutrifft? Eine Formel vielleicht, die alles erklärt?

Was Nietzsche von vielen Philosophen unterscheidet ist, dass er kein philosophisches System begründen wollte. Das bedeutet, dass er keine große Theorie begründen wollte, mit der man alles erklären kann. Eben im Lichte dieser einen Theorie. Es gibt zu viele unversöhnliche Perspektiven auf die Dinge. Mal ist das Eine wahr, mal das Andere. Je nachdem, von wo und welchem Blickwinkel aus es betrachtet wird. Jede Sichtweise wird irgendwann verdrängt, transformiert oder revolutioniert. Auch viele von Nietzsches Aussagen stehen widersprüchlich nebeneinander und sind doch für sich genommen erhellend.

Umso spannender, dass Nietzsche – vor allem gegen Lebensende – dennoch eine alle zerstreuten Perspektiven umfassende Aussage treffen wollte. Und die ist eine nur noch schwer nachvollziehbare Formel: »Wille zur Macht«.

Es ist – und so sind sich auch die Forschenden weitestgehend einig – Nietzsches schwierigster und unzugänglichster Gedanke. Sein Nachvollzug ist mindestens anstrengend und wir befinden uns hier durchweg am Rande des Sagbaren. Aber das Verständnis der Ewigen Widerkunft erleichtert schonmal den Einstieg und mit einer halben Dose eiskaltem Booster Energy Drink intus möchte ich nun doch versuchen, mich dem Ganzen zu nähern. Auf hoffentlich verständliche Weise.

Die Weltformel

»Wille zur Macht«: das klingt nach Star Wars. Irgendwie großspurig und düster. Es klingt jedenfalls nicht wie eine nüchterne Beschreibung der Welt, sondern wie eine emotional gefärbte Beschreibung zwischenmenschlicher Verhältnisse. Und doch meint Nietzsche in diesen drei Worten eine umfassende Weltbeschreibung zu konzentrieren. An deren genauerer Ausführung er jedoch gescheitert ist. Sein geplantes Werk mit demselben Titel sollte nie erscheinen. Grund für dieses Scheitern ist mitunter auch der nur noch schwer einzuholende Anspruch, einen Gedanken zu denken, der alles in dieser Welt beschreibt. Eine Weltformel aufzustellen.

Und doch ist dieses Scheitern auch ein Argument für die Richtigkeit der Formel! Dass jene den Anspruch hat, allumfassend zu sein und gleichzeitig diesem Anspruch nie ganz gerecht wird, immer abstrakt bleibt, schwer zu greifen, mit losen Enden und offenen Fragen, widersprüchlich bei genauerem Hinsehen, ist gerade Nietzsches Beschreibung der Welt. Eine Formel also, die gerade auch deshalb plausibel ist, weil sie nicht konkretisierbar, anwendbar oder realisierbar ist.

Um das genauer zu verstehen, macht es Sinn, sich den Unterbau der Formel durch Nietzsches vorangegangene Ideen anzuschauen.

Was ist die Welt?

So eine Frage wird heute gar nicht mehr so häufig gestellt. Zu selbstverständlich ist die Einstellung, dass die Welt ein naturwissenschaftlich beforsch- und ausmessbarer Raum ist. In diesen Raum wurden wir hineingeboren, um ihn mit unseren Sinnen und Messinstrumenten so wahrzunehmen und zu erkennen, wie er schon da war, bevor wir zur Welt kamen. Manchmal trügen uns unsere Sinne und manchmal müssen unsere Methoden zur Messung überholt werden (oder die Sprache zur Beschreibung unserer Erkenntnisse). Alles in allem ist da aber diese fertige Welt vor uns und um uns. Und die wollen wir immer besser verstehen.

Die Welt, wie Nietzsche sie in seinen späteren Schriften beschreibt, ist eine andere. Sie ist nichts, was irgendwann einmal entstanden ist und nun für alle nachgeborenen Lebewesen als vorfindbarer Raum einfach schon da ist. Sie ist überhaupt keine Sache, die wir entdecken könnten. Sondern – dieser Gedanke ist zunächst schwer nachzuvollziehen – nur das Entdecken ist die Welt. Das fortwährende Entdecken erschafft erst das, was wir nachträglich als »Welt« bezeichnen. Und auch das »wir« oder »ich«, das entdeckt, ist keine Voraussetzung, sondern es erschafft sich fortwährend selbst.

»Thatsächlich ist die vorhandene Welt, die uns etwas angeht, von uns geschaffen – von uns d. h. von allen organischen Wesen – sie ist ein Erzeugniß des organischen Prozesses, welcher dabei als produktiv-gestaltend, werthschaffend erscheint.«

Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 11. S. 203.

Das meint Nietzsche auch, wenn er an vielen Stellen davon spricht, dass es ausschließlich eine »scheinbare Welt« gibt. Es gibt keine Wahrheit und Wirklichkeit hinter der Täuschung. Die wahre Welt ist der nicht feststellbare Vorgang des Täuschens selbst. Das Spiel, die Fiktion, die Maskerade sind »die Welt«. Auch das ist erst einmal schwer zu akzeptieren. Wir sind daran gewöhnt im Gegensatzpaar »Täuschung« und »Wirklichkeit« zu denken. Dass die Täuschung nun die einzige Wirklichkeit sein soll, erfordert im Nachvollzug mindestens Gedankenyoga. Aber es ist für eine Annäherung an Nietzsches Formel vom »Willen zur Macht« wichtig.

»Alles ist Kraft«

Die Welt ist also ein nie enden wollender Schaffensprozess. Ohne Ziel und ohne Anfang. Und das Neue – also das, was wir zu einem gegeben Zeitpunkt als »die Welt« erkennen zu meinen – entsteht, so Nietzsche, nicht aus dem Nichts heraus oder verbraucht sich irgendwann. »Die Welt« ist vielmehr

»als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo »leer« wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich Eins und »Vieles«, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und fluthender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Fluth seiner Gestalten, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten, hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt«.

Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 11. S. 610f.

Diese »Kraft«, die kein Sattwerden kennt, ist der Wille des Organischen. Kein Wille, den jemand haben oder besitzen könnte, sondern immer ein »Wille zur«, also eine Kraftbewegung irgendwohin. »Wille zur« ist also der fortwährende Schaffensprozess der Welt. Und das »irgendwohin« dieses Prozesses ist kein Ziel als ein endgültiges Fertigstellen der Welt, auf das ein Ruhen folgen dürfte. Sondern es ist »Macht«.

Was ist Macht?

Jetzt wird es tricky. Und tatsächlich auch ein bisschen düster. Denn das, was wir intuitiv unter Macht verstehen, ist nicht das, was Nietzsche unter Macht versteht. Zumindest nicht nur das. Macht hat doch diejenige, in deren Gewalt sich jemand auf die ein oder andere Weise befindet? Macht hat die Stärkere, die Gewinnerin oder diejenige mit der Schusswaffe in der Hand? Macht hat der Herr über den Sklaven? Den Sklaven bestimmt die Ohnmacht? – nicht so im Verständnis Nietzsches.

Wenn es nur die scheinbare Welt gibt, die immerfort sich selbst gebärende Täuschung, dann hat der Herr auch nur so lange und so viel Macht, wie sie ihm angedichtet wird. Und der Sklave ist nur insofern ohnmächtig, als dass seine erschaffene Welt ihn als »Verlierer« erkennt. In einer christlichen Welt beispielsweise wird der ewig in der Hölle schmorende Herrscher wohl ohnmächtiger sein als der im paradiesischen Jenseits weilende Sklave. »Macht« ist demnach nicht die materielle Herrschaft eines Lebewesens, sondern die im organischen Prozess sich erschaffende Welt selbst. Und dazu gehört auch, als die andere Seite derselben Medaille, die Zerstörung. Sogar bis in den Tod. Wo etwas aufsteigt, geht etwas anderes unter. Wo das Eine entsteht, vergeht das Andere.

Wie kann Zerstörung, selbst bis in den Tod hinein, Macht sein? Ein gutes Beispiel hierfür ist der Hungerstreik. Oder die Lebenseinstellung der Philosophin und Mystikerin Simone Weil, die sich selbst zu Tode hungerte. Die für sich innerhalb einer umfassenderen Weltperspektive wusste, dass sie durch ihre eigene Abschaffung Platz macht für anderes Leben. Und dass es letztlich aus dieser umfassenderen Perspektive keine Abschaffung gibt, sondern nur Hingabe. Eine transzendente Perspektive. Ein mystisches Weltverständnis. Eine Weltschau, die das Kraftspiel von Aufstieg und Niedergang, von Ausdehnung und Rückzug, Leben und Tod, überschaut! Aber in Nietzsches Verständnis dennoch eine Form des Willens zur Macht.

Einfacher gesagt: Selbst wenn du auf die Fresse kriegst, wirst du einen Weg finden, die Situation ermächtigend umzudeuten. Solange noch Leben in dir ist. Es muss gar nicht so ein radikales Beispiel sein, wie das Simone Weils. Der Wille zur Macht ist überall: im universellen Anspruch mathematischer Gesetze, schon in der Abstraktion der Zahl, im Herrschaftsgestus, im Selbstverständnis als Opfer, im Schenken, im Nehmen, im organischen Prozess des Lebens selbst: als ein Entstehen und Vergehen ohne Ende.

In der psychologischen Weltdeutung ist der Schamane akut psychotisch, in der mystischen Weltdeutung ist er nicht nur gesund, sondern auch ein Heiler. Jede Berufung auf eine bestimmte Deutung der Wirklichkeit, jedes Beharren auf ein unhintergehbares Fundament, sei es ein physikalisches, politisches oder soziales, ist eine Form des Willens zur Macht. Es gibt wissenschaftliche Zweige, die Nietzsches Radikalität hierin, knapp 100 Jahre später, in den 1970er bis 1990er Jahren aufgegriffen haben. Vornehmlich in Frankreich und Italien. »Konstruktivismus«, »Diskursanalyse«, »Dekonstruktivismus« sind unter anderem solche Kulturtheorien. Aber als institutionell gebundene Strömungen können auch diese Theorien einen gewissen Hang zur Systematik nicht umgehen. Das bedeutet: Sie sind unter dem Vorzeichen des Macht-Gedankens nicht besser, anders oder zutreffender als jede andere Welterklärung. Zu sagen »so und so ist es«, sogar schon stillschweigend wahrzunehmen, dass es »so und so ist«, ist immer auch eine Kampfansage. Es ist immer auch ein Verdrängen all jener Lebensformen, die weder »so« noch »so« sein wollen. Das hat nichts mit Gut oder Böse zu tun. Diese Unterscheidung ist nachgeschaltet.

»[D]iese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniß-Welt der doppelten Wollüste, dieß mein Jenseits von Gut und Böse, ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat, – wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Räthsel? ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? – Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem!«

Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 11. S. 611.

So viel dazu! Eine Weltformel, deren Bedeutung sich selbst beinhaltet. Die bedeutet, dass jede Erklärung der Welt, also auch die Formel selbst, Teil des ohnehin fortlaufenden Selbstgebärungsprozesses ist. Mit der Formel ist also nichts gesagt und alles. Sie erklärt einen Vorgang, der sie selbst bereits ist. Die Formel ist ein Kreis und bei vollem Verständnis macht sich vielleicht auch die Erkenntnis breit, dass man wieder genau dort steht, von wo man ausgegangen ist: am Anfang. Dass es keine Schwelle gibt, die man übertreten wird, kein Außen, von dem aus man das Ganze überblicken oder beschreiben könnte, sondern nur diese endlose und unentrinnbare Innenperspektive. Puh, kein Wunder, dass der Mann Zeit seines Lebens Kopfschmerzen hatte …

Zum Nachlesen: Aus dem Nachlass, Juni 1885

Zitiert aus:
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. In: Kritische Studienausgabe. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2., durchgesehene Auflage. München 1999.