Nietzsche Seufzer
© Björn Höller

Seufzer

Seufzer. – Ich erhaschte diese Einsicht unterwegs und nahm rasch die nächsten schlechten Worte, sie festzumachen, damit sie mir nicht wieder davonfliege. Und nun ist sie mir an diesen dürren Worten gestorben und hängt und schlottert in ihnen – und ich weiss kaum mehr, wenn ich sie ansehe, wie ich ein solches Glück haben konnte, als ich diesen Vogel fieng.

Friedrich Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 3. S. 538.

Es gibt diese seltenen Momente im Werk des Philosophen Friedrich Nietzsche, die wie ein kurzes befreiendes Aufatmen nach langer ernster Versenkung sind. Wo nach geistigen Höhenflügen, ungehaltenen Schimpftiraden und kosmischen Abschweifungen endlich wieder ein Seufzer sich kundtun kann. Wo nach ausufernder Wortakrobatik und dem permanenten Anrennen gegen die durchschnittliche Meinung ein Moment der Ruhe und des Rückbesinnens auf das Naheliegende und Einfache sich unterschieben darf.

Land in Sicht! Eine kleine Insel zeigt sich und der Sturm legt sich nach langem Kampf auf rauer See. Wenigstens kurz.

Es ist wie die achtsame Besinnung auf den Atem, in der die vorangegangenen gedanklichen Abschweifungen als eine rastlose Verirrung entlarvt werden. Als eine ausufernde Aktivität, die sich zeitweilig von einem Körper entbunden wähnte. Eine erschöpfende Aktivität, die früher oder später zum Zirkelschluss verkommen muss, da sie in der uferlosen Weite sich verselbstständigter Gedankenströme wohl nur noch in der Endlosschleife Halt finden konnte. Vom erleichternden Seufzer aus betrachtet ist auch die Eingebung der »Ewigen Wiederkunft« oder das Konzept vom »Willen zur Macht« nur ein Rettungsring auf rauer See.

Diese Momente des Aufatmens nach langem Kampf, die erleichternde Landsichtung nach mühevollem Überwasserhalten, sind die zartesten und versöhnlichsten Ecken in Nietzsches sonst oft stacheliger Philosophie. Dann geht es um schlichte körperliche Verrichtungen wie Essen, Bewegen und Atmen. Es hat schon etwas Komisches, wenn nach grandiosen Berechnungen über Zusammenhänge des kosmischen Ganzen ein seufzender Einschub zu Wort kommen darf, der die Nahrungswahl bedeutungsschwanger bespricht (und zwar nicht in den Briefen oder Nachgelassenen Fragmenten, sondern im Hauptwerk):

»Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber energisch: Thee sehr nachteilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten Klima ist Thee als Anfang unrätlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Cacao’s den Anfang machen lassen. – So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. – Das Sitzfleisch – ich sagte es schon einmal – die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.

Friedrich Nietzsche: Ecce Homo. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 6. S. 281.

Heute würde man das wohl als Praktiken der Achtsamkeit und Selbstfürsorge bezeichnen. Das Besondere bei Nietzsche ist allerdings die Brücke, die er zwischen diesen Praktiken der Erdung und den frei flottierenden philosophischen Überlegungen schlägt. Keine Idee schwebt einfach in der Luft. Sie hat auch eine materielle Dimension: »Gedanken sind Handlungen«, so Nietzsche. Im Seufzer zeigt sich dann die ganze Philosophie als eine immaterielle Spiegelung naheliegender körperlicher Bedürfnisse. Das befreite Aufatmen nach einer schweren Anspannung.

»Auf Umwegen – Wohin will diese ganze Philosophie mit allen ihren Umwegen? Tut sie mehr, als einen steten und starken Trieb gleichsam in Vernunft zu übersetzen, einen Trieb nach milder Sonne, heller und bewegter Luft, südlichen Pflanzen, Meeres-Atem […], kurz, nach allen Dingen, die gerade mir am besten schmecken, gerade mir am zuträglichsten sind? […] Es gibt viele andere und gewiß auch viele höhere Erhabenheiten der Philosophie, und nicht nur solche, welche düsterer und anspruchsvoller sind als die meinen, – vielleicht sind auch sie insgesamt nichts anderes als intellektuelle Umwege derartig persönlicher Triebe?«

Friedrich Nietzsche. Morgenröthe. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 3. S. 323.

Es ist aber auch dieses feinsinnige Abklopfen der eigenen körperlichen Befindlichkeit und seine permanente Rückbindung an gedankliche Vorgänge, außerdem die Bewusstheit über die materielle Wirkung des scheinbar Immateriellen, die Nietzsches Philosophie so schwindelerregend macht. Die ihn für Philosophen nicht systematisch genug erscheinen lässt und für Künstler zu gedankenschwer.

Bei aller Sensibilität für die eigene Befindlichkeit und noch so kluger Rückbindung an die Welt der Gedanken bleibt doch das ursprünglichste und lebensnotwendigste aller Bedürfnisse in Nietzsches Schriften weitestgehend unerkannt: das Bedürfnis nach haltspendender Liebe. Oder in abgemilderter Form: nach Zwischenmenschlichkeit. Die eigenen »intellektuellen Umwege« – oder wie man heute sagt: »Rationalisierungen« – sind eben unmöglich eigenmächtig zu erkennen. Nur der Seufzer, der einer zärtlichen Selbstumarmung nach lang angehaltener Einigelung gleicht, kommt dem am nächsten. Deswegen sind diese Momente mittlerweile für mich, auch wenn sie einen blinden Fleck abbilden, die schönsten Momente in Nietzsches Werk. Sein Gedichtzyklus, die Dionysos-Dithyramben, sind ein einziger Seufzer, die letzte zärtliche Geste vor dem herannahenden psychotischen Zusammenbruch.

»So sank ich selber einstmals,
aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,
aus meinen Tages-Sehnsüchten,
des Tages müde, krank vom Lichte,
– sank abwärts, abendwärts, schattenwärts,
von Einer Wahrheit
verbrannt und durstig
– gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz,
wie da du durstetest? –
dass ich verbannt sei
von aller Wahrheit!

Nur Narr!
Nur Dichter!«

Friedrich Nietzsche: Dionysos-Dithyramben. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 6. S. 380.

Zum Nachlesen: Dionysos-Dithyramben

Zitiert aus:
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. In: Kritische Studienausgabe. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2., durchgesehene Auflage. München 1999.