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Francisco de Goya: El sueño de la razón produce monstruos
Francisco de Goya: El sueño de la razón produce monstruos (© picture-alliance / akg-images)

Müdigkeit

Die Augenlider schwer. Das Kinn fällt immer wieder in Richtung Brust. Ruckartig. Dann schnelles Aufschauen. Ich habe mich wieder. Ich schlafe nicht ein. Die Gedanken fahrig. Nebel im Kopf. Fragmente, Erinnerungen, Möglichkeiten, Absurdes ziehen vor meinem geistigen Auge vorbei und verbinden sich untereinander zu noch absurderen Bildern: Geigenspieler auf dem Dach eines Zuges, der durch die Dunkelheit saust. Ein Kometenhagel aus Fruchtgummi. Ein viel zu grelles Licht, das sich für witzig hält. Das gestreifte T-Shirt eines Mannes, das – so stellt sich heraus – gar kein T-Shirt ist, sondern schlicht sein gestreifter Oberkörper.

Wenn wir müde sind, klammern wir uns lange noch an unsere wachen Gedanken. Solche, die Sinn machen und sich in unsere gewohnte Alltagsrealität einfügen. Bis wir nicht mehr können und einschlafen. Dann träumen wir sinnlose oder unheimlich bedeutungsschwangere Träume, die wir je nach Gehalt auf die Wachwelt übertragen. Aber die Grenze ist klar gezogen. Hier ist die stabile und wohl geordnete Gedankenwelt des Tages und dort die fremde Welt der Nacht.

Ich glaube das muss nicht so sein und ich glaube auch, dass die Grenze umso unbeweglicher wird, desto mehr wir uns an ihre vermeintliche Gegebenheit gewöhnen. Es gibt Grade von Müdigkeit und selbst wenn wir bei vollem und wachen Bewusstsein miteinander sprechen, schleichen sich Traumgedanken ein, die aus der klar umgrenzen Welt, die wir miteinander teilen, ein Spielplatz von Assoziationen und Absonderlichem machen. Müdigkeit ist kein Defizit. Sie ist auch eine Chance. Ein Schöpfbrunnen für Ideen und neue Wege.

Müde zu werden bedeutet auch die gewohnte Ordnung der Dinge für einen Moment loszulassen. Die fest gebauten Strukturen seines sicheren und vernünftigen Lebens im trüben Dunkel zu defragmentieren.

Die kleinen Momente der Müdigkeit, Phasen schwerer Augenlider und fahriger Gedanken, kommen in unserer arbeitseifrigen Welt wie lästige Störungen daher. Dabei wäre es so viel bereichernder, genauer hinzuhören und hinzusehen. Nicht dagegen anzukämpfen. Wenn sich Müdigkeit breit macht, die Chance und Forderung die darin zum Ausdruck kommt, geschehen zu lassen, statt sie durch den nächsten konkreten Gedanken und die nächste wache Tat wieder einmal im Keim zu ersticken.