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Masken
© Björn Höller

Masken

»Jede Philosophie verbirgt auch eine Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine Maske.«

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 5. S. 234.

Als ich diese Worte Nietzsches 2015 zum ersten Mal auf dem Kindle-Reader las, den mir meine damalige Schwiegermutter in Spe zu Weihnachten geschenkt hatte (was für ein Segen, denn jetzt konnte ich darauf die Bücher Nietzsches umsonst lesen, was ich bitter nötig hatte als unterbezahlter BAföG-Student), war ich berührt und schockiert zugleich. In der Absolutheit der Aussage – jede Philosophie – ist die Möglichkeit einer Verwirklichung von Authentizität verabschiedet. Letztgültig. Wie deprimierend!

Ich für meinen Teil war immer ganz eingenommen von der Idee, meinem wahren Selbst näher zu kommen und hinter die gesellschaftliche Maskerade zu blicken. In meinem Studium der Kulturanthropologie habe ich sogar im Detail gelernt, wie der Aneignungsprozess von »Masken« abläuft. Der Fachbegriff dafür ist »Enkulturation«. Dann gibt es noch ganze Theoriekomplexe, die Kultur gerade als alltägliches Theaterspiel beschreiben: Erving Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Ich war überzeugt, dass hinter tausend Schichten der Täuschung und des zwischenmenschlichen Theaters irgendwo doch eine tiefere Wahrheit verborgen liegt, die man nur ausgraben müsste. Der Schauspieler kehrt doch auch, sobald die Vorstellung und das Spiel zu Ende sind, zu sich selbst zurück? Oder etwa nicht?

Später ist mir dann aufgefallen – wie eigenartig! –, dass manche Menschen viel mehr von diesem Gedanken und Gefühl eingenommen zu sein scheinen als andere. Wie kommt das? Gibt es jene – die Angepassten – die tagtäglich sich einem Spiel hingeben (müssen) und wiederum andere, die so ziemlich sie selbst sein können, ohne anzuecken? Oder trifft es eher zu, dass Letztere bereits so mit ihrem Schauspiel identifiziert sind, dass sie ihr eigenes Spiel nicht mehr erkennen? So beschreibt der Ethnologe Nigel Barley jedenfalls die unbewusste Übernahme kultureller Gepflogenheiten: nämlich als vergleichbar mit den Füßen, die unter dem eigenen Bierbauch nicht mehr zu erkennen seien.

Beschäftigt man sich mit Spiritualität, stößt man oft auf ähnliche Vergleiche. Da geht es dann um die Suche nach einer höheren Wahrheit oder einem wirklichen Selbst. Diese seien jedoch mit den üblichen Mitteln der Anschauung, auch inneren Art von Anschauung, nicht zu erkennen. Wie Zähne, die sich selbst beißen wollen. Oder wie Augen, die sich selbst erblicken zu suchen. Das Leben an sich sei ein Versteckspiel des Göttlichen vor sich selbst.

Man kann das Maskenspiel im Kleinen wie im Großen verorten, als Selbstdarstellung, als zwischenmenschliches Schauspiel oder sogar als kosmisches Versteckspiel. Die Logik ist überall die gleiche. Eine Maske verbirgt. Und ist sie erstmal als Maske erkannt, scheint es kein Zurück mehr zu geben. Auch wenn wir uns einen noch so beeindruckenden Bierbauch antrinken, irgendwie werden wir uns daran erinnern, dass da noch Füße sind, auf denen wir stehen.

Ich war so ergriffen von Nietzsches Worten, weil in ihnen auch eine große Tragik und Traurigkeit zum Ausdruck kommt. Wenn hinter jeder Maske eine weitere Maske ist, wie können wir uns dann als Menschen überhaupt begegnen? Wenn jedes Wort nur eine Verschleierung ist, wie können wir uns dann verstehen? Wie können wir gesehen und gehört werden, auch von uns selbst, wenn wir uns mit jedem Ausdruck doch nur wieder verstecken, wenn jede Gebärde nur ein Spiel ist?

René Magritte Two Lovers
© René Magritte, The Lovers II, 1928

Ich glaube, so gut wie jeder meiner frühen Lieblingsautoren schreibt darüber. Zum Beispiel Kafka:

»Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde. Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle …«

Franz Kafka: An Oskar Pollak, Prag, 8. November 1903. In: Briefe 1900–1912, Hrsg. v. Hans-Gerd Koch, Frankfurt a. M. 1999.

Oder Rilke, der in seinem einzigen Prosawerk Malte Laurids Brigge den Ich-Erzähler eine Kindheitserinnerung vortragen lässt. Das Kind hatte sich, als die Erwachsenen aus dem Haus waren, eine Maske aufgesetzt und plötzlich – wie von einer fremden Kraft gesteuert, die nur als »er« bezeichnet wird – lässt sich die Maske nicht mehr abnehmen. Es kommt zu einer unheimlich tragischen Situation, als die Erwachsenen wieder nach Hause kommen. Die Passage ist etwas länger. Wer von Worten nicht so sehr berührt wird: einfach überspringen. Dahinter geht es gleich anschaulicher weiter!

»Heiß und zornig stürzte ich vor den Spiegel und sah mühsam durch die Maske durch, wie meine Hände arbeiteten. Aber darauf hatte er nur gewartet. Der Augenblick der Vergeltung war für ihn gekommen. Während ich in maßlos zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich irgendwie aus meiner Vermummung hinauszuzwängen, nötigte er mich, ich weiß nicht womit, aufzusehen und diktierte mir ein Bild, nein, eine Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monströse Wirklichkeit, mit der ich durchtränkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war er der Stärkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen großen, schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich, mit ihm allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte, geschah das Äußerste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus. Eine Sekunde lang hatte ich eine unbeschreibliche, wehe und vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur noch er: es war nichts außer ihm.
Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stieß überall an, er kannte das Haus nicht, er wußte nicht wohin; er geriet eine Treppe hinunter, er fiel auf dem Gange über eine Person her, die sich schreiend freimachte. Eine Tür ging auf, es traten mehrere Menschen heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu kennen. Das war Sieversen, die gute Sieversen, und das Hausmädchen und der Silberdiener: nun mußte es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und retteten; ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske ließ die Tränen nicht hinaus, sie rannen innen über mein Gesicht und trockneten gleich und rannen wieder und trockneten. Und endlich kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein Mensch gekniet hat; ich kniete und hob meine Hände zu ihnen auf und flehte: ›Herausnehmen, wenn es noch geht, und behalten‹, aber sie hörten es nicht; ich hatte keine Stimme.«

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Text und Kommentar. 3. Aufl. Tübingen 2013. S. 89f.

Wer die Tragik des unhintergehbaren Maskenspiels ganz eindrücklich verkörpert ist Jim Carrey. Manche seiner Filme haben es direkt zum Thema. In späteren Interviews beschreibt er sich selbst, Jim Carrey, stets als Figur. In vielen seiner Auftritte und Rollen scheint hinter dem unablässigen Grimassenziehen auch eine unsichtbare Aufrichtigkeit zu liegen. Aber jedes noch so ernstgemeinte Wort wird ungehört bleiben, denn es ist ein Jim Carrey-Wort. Sehr zu empfehlen ist die von Arte produzierte Doku über den Schauspieler:

https://www.youtube.com/watch?v=n47NizrsgSY

Jim Carrey Mask
© Cinema International, Mask, 1985

In der Jim Carrey-Doku wird auch erwähnt, dass er als Kind sehr viel Zeit mit sich und seinen Träumereien alleine verbracht hat, getrieben von kreativen Schüben der Selbstunterhaltung. Auch Nietzsche beschreibt den zurückgezogenen »Einsiedler« als denjenigen, der das Maskenspiel viel eher verinnerlicht hat. Oder eben auch viel eher erkennt.

»Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem Wiederhall der Oede, Etwas von dem Flüstertone und dem scheuen Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus seinem Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere Art des Schweigens, Verschweigens heraus. […] [D]essen Begriffe selber erhalten zuletzt eine eigene Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebenso sehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, das jeden Vorübergehenden kalt anbläst.«

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 5. S. 234.

Wow! Wie zutreffend. Und wie überaus zutreffend formuliert! (Kein Wunder, dass es vor allem die Literaturwissenschaftlerinnen und die Künstlerinnen waren und sind, statt die Philosophinnen, die sich mit Nietzsche beschäftigen). In der Jim Carrey-Doku erfährt man gegen Ende, dass er sich nun wieder dem einsiedlerischen Selbstausdruck aus Kindertagen hingibt. Aus der Öffentlichkeit hat er sich weitestgehend zurückgezogen.

Als ich jetzt, neun Jahre später, die von mir markierten Worte Nietzsches auf meinem Kindle-Reader wiederfand, war ich zum Glück nicht mehr schockiert und höchstens berührt davon, wie ernst ich das damals genommen habe. Und trotzdem kenne ich noch das Gefühl. Das Gefühl, dass dort unter dem Bierbauch irgendwo doch Füße waren, die mich tragen. Und auch die traurige Einsiedlereinsicht, dass, wenn ich sie nicht sehe, niemand diese Füße sehen kann.

Letztes Jahr hatte ich meine erste Therapiesitzung. Ich wollte mich von Anfang an ganz so zeigen, wie ich bin. Was würde es mir nützen, hier ein Versteckspiel zu spielen? Und dennoch musste ich gleich in der zweiten Sitzung gestehen, dass ich – für mein Empfinden – in der Erstsitzung »nur Scheiße erzählt« habe. Nicht, dass ich falsche Informationen geteilt oder gelogen hätte, sondern nur, dass jedes Wort, trotz größter Bemühung um Aufrichtigkeit, doch nur eine Maske war. Ich weiß nicht genau, wie und warum, aber mittlerweile hat sich diese Tragik für mich wie von selbst abgemildert. Ich denke, es liegt mitunter daran, dass ich mich gar nicht mehr in dieser verzweifelnden Art und Weise um Aufrichtigkeit als Maskenlosigkeit bemühe. Die Kluft zwischen Maske und dahinterliegender Wahrheit wird ja nur umso größer, umso mehr ich mich in dem einen vergesse oder nach dem anderen suche.

In seinen späteren Schriften hat Nietzsche den Unterschied zwischen Authentizität und Maske, im besonderen den zwischen Wahrheit und Schein, verworfen.

»Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht? … Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!«

Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung. In: Kritische Studienausgabe. Bd. 6. S. 81.

Seine Selbstauskünfte in »Ecce Homo«, eine Art Autobiografie, sind absichtlich maßlos überzogen und verkünstelt. In seinen Aussagen türmen sich Widersprüche auf Widersprüche auf. Seine Figuren, Zarathustra oder Dionysos, werden plastischer und erscheinen wirklicher für ihn als beispielsweise die politische und gesellschaftliche Umgebung, in der er sich befand. Wie Jim Carrey, der sich in der Einsamkeit seines Kinderzimmers Welten erträumte und in der Reife seiner Jahre die Kraft erkennt, die sich damals schon hat bilden können, kehrt auch Nietzsche zurück zu diesen einsiedlerischen Kinderzimmer-Schöpfertagen.

Nietzsche hat zu Lebzeiten nie die Anerkennung bekommen, die er verzweifelt gesucht hat. Jim Carrey schon, aber er musste erfahren, dass »Anerkennen« nicht gleichzusetzen ist mit »Erkennen«, dass Bewundertwerden nicht zugleich auch bedeutet, gesehen zu werden. Beide, so denke ich, haben die gleiche Wunde. Wenn auch deren Leben äußerlich unvergleichbar ist. Es ist die Wunde der Einsiedler.

Zum Nachlesen: Aphorismus 289 zum Einsiedler

Zitiert aus:
Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. In: Kritische Studienausgabe. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2., durchgesehene Auflage. München 1999.

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