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Erzähl mir von der Liebe Buch

Liebe erzählen

Es ist gar nicht so einfach, heute eine Liebesgeschichte zu erzählen. Die romantischen Disney-Entwürfe sind längst in Verruf geraten. Im Grunde sexistisch und eine patriarchale Werteordnung aufrecht erhaltend. Vor allem eine Mogelpackung. Und auch der Pathos und der Kitsch in Geschichten von der Liebe haben etwas Anrüchiges. Wird hier mit schmalziger Musik und romantischer Theatralik über ein Politikum hinweggetäuscht?

Eine mutige Entscheidung vor diesem Hintergrund ein Buch zu schreiben, das eine Sammlung von Liebesgeschichten ist. Von extravaganten, leid- und freudbringenden, sich wirklich zugetragenen. Wenngleich sich die Autor*innen auf vertrautem Terrain bewegen: Joana Nietfeld, Robert Ide, Helena Piontek schreiben die Liebeskolumne Ins Herz für den Tagesspiegel. Mit dem bei Hanser erschienen Buch Erzähl mir von der Liebe geht nun der Anspruch einher, von »echten Geschichten« zu erzählen, von »unperfekten, die sich anfühlen, wie mit den Fingerkuppen über eine raue Oberfläche zu streichen.« (Ide/Nietfeld/Piontek, S. 9) Kann man noch von Liebe der Liebe willen erzählen, ohne sich dabei über politische Tatsachen wie soziale Ungleichheit, Sexismus, Rassismus, Klassismus und so weiter zu betrügen?

Die Intimität des Buches

Wenn wohl irgendwo ein solcher Platz ist, an dem Romantik fast klebrig sein darf oder Liebe als zeitlose Macht dargestellt werden kann, dann im Buch. Es ist seit jeher als introspektives Medium eines, das Sehnsüchte beherbergt und die Fantasie beflügelnd Welten aufschließt. Es ist das intime Medium der Versenkung, wo ich den Geheimnissen fremder Menschen und Welten nachspüre und dadurch immer auch meinen eigenen.

Vielleicht hält sich deswegen auch hartnäckig das gedruckte Buch, obwohl es längst schon hätte verdrängt werden können? Es ist doch etwas anderes, die Seiten unter den Fingern zu spüren, die keine Ablenkung über sich hinaus ermöglichen, keine weiteren Tabs zulassen, keine Vernetzung erlauben, außer die zwischen ihren beherbergten Lettern und meinen Augen? Es ist diese Zurückgezogenheit und das materielle Verhältnis zwischen mir und dem in sich abgeschlossenen Buch, das die wertvolle Unterscheidung mit sich bringt, ob ich »ein Buch lese« oder einfach irgendwo sonst in der Welt etwas lese.

Das Unperfekte

Umso trauriger, dass sich Erzähl mir von der Liebe weder diese Stärke des Buchmediums zunutze machen kann noch seinem eigenen Anliegen gerecht wird, das »Unperfekte« der Liebesgeschichten einzufangen. Zwanzig wahre Geschichten, die sich teils über Jahrzente erstreckten, auf knapp über 200 Seiten zu bannen und dabei noch deren individuelle Tiefe und Intimität zu bewahren, ist wohl unmöglich. Und auch das »Unperfekte«, dass ich in nicht bewältigbarem Schmerz, unerfüllter Sehnsucht und zerbrochenen Herzen erwarten würde, können die im Eiltempo aneinandergereihten Hauptsätze nicht vermitteln. Nur ab und zu wird das »Unperfekte« gestreift. Wenn zum Beispiel von der Einsamkeit des 60-jährigen Dauersingles Michael berichtet wird:

»Vor ein paar Jahren wird Michael depressiv, bis heute ist er in Therapie. Alleinstehend zu sein, ein Leben lang, ist mehr, als sich morgens das Frühstück allein zu machen oder abends ohne jemanden neben sich auf der Couch zu sitzen. Es betrifft alle Aspekte des Lebens. Da ist niemand, der ihn mal in den Arm nimmt oder pflegt, wenn er krank ist.. Ganz zu schweigen von echter Intimität, ein urmenschliches Bedürfnis.«

Robert Ide, Joana Nietfeld, Helena Piontek: Erzähl mir von der Liebe. München 2024. S. 69.

Gleich danach geht es dann aber wieder süß und hoffnungsvoll weiter. Denn Michael hat »beschlossen, dass es Zeit für eine Veränderung ist. Jetzt wird er aktiv.« (Ide/Nietfeld/Piontek, S. 70) Alle Geschichten des Buches haben eine solche positive Wendung. Oder zumindest wird eine Hoffnung aufgerufen, die die Kehrseiten der Liebe abmildert. Das »Unperfekte« erschöpft sich dann meist in der Extravaganz der erzählten Lebensentwürfe und den schicksalhaft anmutenden, filmreifen Begebenheiten.

Mediengeschichten

Die erzählten Geschichten sind Mediengeschichten. Wer sich beispielsweise durch dokumentarische Formate wie 37 Grad von 3sat durchgeklickt hat oder sich anderweitig medial für die Liebe und ihre Ausprägungen als Lebensentwurf interessiert, dem wird die ein oder andere hier wiedergegebene Geschichte vielleicht schon bekannt vorkommen. Es sind im vollen Sinne journalistische Porträts. Leicht genieß- und verdaubare Kurzeinblicke in die geliebte Liebe von Menschen, die bereit dazu waren, ihre Geschichte zu erzählen. Mit dieser Erwartungshaltung lässt sich das Buch gut weglesen. Es regt auch ein bisschen zum Denken an. Direkt nebeneinandergestellt zu sehen, welche Auswüchse der Liebe es geben kann, erweitert den Horizont. Aber neben dem Kuratieren, dem Vergleichen und Kontrastieren leichtfüßig erzählter Geschichten bleibt nicht viel Reflexionsangebot.

Erzähl mir von der Liebe will keine Literatur zu sein, die das Schwergewicht des Liebesbegriffs auszuloten bestrebt ist, sondern begnügt sich damit, ein leicht zugängliches Erzählpanorama mit überschaubarer Tiefe zu sein. Das gelingt. Dadurch umgeht das Buch auch die Last, ein politisches Statement abgegeben zu müssen. Die Geschichten sind alle interessant, wenn auch weniger extravagant als zu vermuten ist. Das ein oder andere Lächeln zaubern einem die Schilderungen aber aufs Gesicht. Vor allem dann, wenn wieder klar wird, wie viel Gewalt so eine unscheinbare und unsichtbare Sache wie Liebe auf ganze Lebensverläufe haben kann. Und wie schön das sein kann!

»Ja, das Leben hat eine gewisse Klumpenhaftigkeit. Da gibt es ganze Phasen, manchmal Jahre, manchmal Jahrzente, da ruckelt es hin und wieder, aber im Wesentlichen passiert doch lange nichts. Und dann gibt es Momente im Leben, da scheint sich alles zur gleichen Zeit zu bewegen. Eine Konzentration von Ereignissen und Emotionen, zusammengepresst, ganz dicht beieinander. Schönes neben Traurigen, Wut neben Euphorie.«

Robert Ide, Joana Nietfeld, Helena Piontek: Erzähl mir von der Liebe. München 2024. S. 17.

Schöne Geschichten! Aber müssen die zwischen zwei Buchdeckel? Naja, wenn sie zwischen zwei so schön dekorierten Buchdeckeln in einem so liebevoll hergestellten Buch landen, wie es für den Hanser-Verlag üblich ist, dann wohl ja!

Robert Ide, Joana Nietfeld, Helena Piontek: Erzähl mir von der Liebe

Hanser, München 2024

208 S., geb., 22,–€