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Love_Is_Blind_Netflix
© Netflix

Ist Liebe blind?

In der US-amerikanischen Dating-Reality-Show »Love is Blind« auf Netflix wird die Frage gestellt, ob Liebe blind ist? Eine Gruppe von Frauen trifft in den sogenannten »Pods« (kleinen gemütlich eingerichteten Räumen ohne Fenster) auf eine Gruppe von Männern. Besonderheit ist, dass sie sich kennenlernen, ohne sich zu sehen. Sie verbringen dort viele Stunden und reden miteinander, machen sich verletzlich und verlieben sich sogar mitunter. Wenn ein Paar zusammengefunden hat, verlobt es sich, sobald es sich zum ersten Mal sieht. So die Regeln der Show.

Die Idee ist, eine Umkehrung des üblichen Datings heute zu bezwecken. Beim Online-Dating entscheidet oft der erste oberflächliche Eindruck eines Bilds und ein paar Informationen darüber, ob man sich besser kennenlernt. In den »Pods« lernt man sich dagegen sehr intensiv kennen, ohne voreilige Schlüsse aufgrund weniger Informationen ziehen zu können. Die Dunkelheit der Räume und nicht sehen zu können, wie das Gegenüber reagiert, bewirken bei den Teilnehmenden oft schnell, dass sie sich offenbaren, verletzlich machen und so vielleicht auch schneller verlieben. Ähnlich wie es sich auch der Beichtstuhl in der Kirche zunutze macht. Sich zu zeigen, wie man wirklich ist, mit Fehlern und Schwächen, ist eben einfacher, wenn man keinen ablehnenden Blick befürchten muss. Man wird für das gesehen, was man »wirklich« ist, gerade weil man nicht gesehen wird.

Nach Sehen kommt schnell auch Erfassen und Einordnen und dann ist Liebe nicht mehr möglich, weil die Bedeutungsoffenheit fehlt. Verlieben passiert ja nicht aufgrund der Dinge, die wir erkennen, sondern gerade aufgrund der Dinge, die wir noch nicht erkannt haben. Die rosarotte Brille aufzuhaben und durch einen Hormoncocktail hinters Licht geführt worden zu sein, ein unendliches Potenzial gesehen zu haben, wo nur ein fehlerbehafteter Mensch aus Fleisch und Blut war: das sind die nachträglichen Erklärungen für einen kurz andauernden Zustand der Verliebtheit, der dann durch Bindung, Vertrauen und Freundschaft abgelöst wird. Die Verliebtheit war eine Täuschung, die lebenslange Bindung die Wahrheit und Wirklichkeit.

Ich denke nicht, dass es so ist, sondern genau umgekehrt: Die Verliebtheit gewährt einen kurzen Blick in Wahrheit und Wirklichkeit, die lebenslange Bindung ist eine lebenslange Täuschung.

Man täuscht sich nicht, wenn man einen Menschen ohne Fehler sieht. Der Mensch ist ohne Fehler. Die Täuschung ist, zu glauben, es gibt Fehler. Deshalb ist die Idee, blind zu daten, gar nicht mal so schlecht. Es erinnert daran, dass Liebe möglich ist, wenn man sich darauf einlässt. Und sich darauf einzulassen ist einfacher, wenn wir nicht so viele Mittel haben, eine Sache zu beurteilen, einzuordnen und damit von uns wegzuschieben. Vor dem Hintergrund kann man fast schon sagen: Liebe ist, was übrig bleibt, wenn die Mittel fehlen, einzuordnen. Liebe ist Vertrauen in vollkommener Dunkelheit. Der Film »Perfect Sense« erprobt diese These eindrücklich. Eine Art Epidemie beginnt sich auszubreiten und sorgt weltweit dafür, dass die Menschen nach und nach ihre Sinne verlieren. Was am Ende übrig bleibt, ist Liebe und Vertrauen. Liebe: der perfekte Sinn!

Perfect_Sense_Movie
© Central

Statistisch betrachtet, werden die Ehen, die in »Love is Blind« geschlossen werden vermutlich genauso häufig geschieden wie außerhalb der Show. Und ganz so blind passiert das Kennenlernen auch nicht. Die Stimme und Art zu sprechen gibt schon genug her, um jemanden aufgrund von falschen Vorurteilen abzulehnen. Aber das Setting der Show erinnert daran, wie es zustande kommt, dass wir uns verlieben. Indem wir den Sprung ins Ungewisse wagen. Also ja, Liebe ist blind. Im umfassenden Sinne.