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Luna Bloom ASMR
© Luna Bloom ASMR

Das allerbeste ASMR-Video!

ASMR ist eine Insel der Hoffnung im Netz, eine Insel des Guten in einem Meer voller Hass, Ablenkung und Verunsicherung. Wo man sich gerne mal in den Untiefen algorithmisch bedingter Zerstreuung verliert, ist ein Video, das einen dazu anleitet, sich sinnlich hinzugeben, mehr als ein Segen. Die Augen schließen, scheinbar sinnlosen Klick- und Klack-Geräuschen lauschen und sich auf kindliche Fantasiespiele einlassen: das ist, was wir brauchen! ASMR ist alles andere als Zeitvertrieb ohne »Outcome«. Darauf komme ich noch zurück. Außerdem verrate ich, welches das beste ASMR-Video im Netz ist (ja, ich habe alle gesehen)!

Hören statt Sehen

Wer hört, wählt auch die innere Einstellung der Hingabe. Wer hört, empfängt. Der Hörsinn – bereits im Mutterleib aktiv – ist wesentlich ursprünglicher als der Sehsinn. Der Sehsinn ist schneller im Einordnen und Kategorisieren, letztlich auch im Kontrollieren vom Gesehenen. Der Hörsinn ist bedeutungsoffener und dem Tastsinn verwandt. Schon anatomisch. Ein Geräusch berührt. Es entsteht Nähe. Der Sehsinn dagegen wird auch als »Distanzsinn« bezeichnet. Und darum geht es im ASMR mitunter: das Herstellen von Nähe auch über das leuchtende Display hinweg. Die Illusion, wirklich berührt zu werden und für einen Moment den alles kontrollierenden Verstand – dessen liebstes Werkzeug der Sehsinn ist – zu verlieren.

Dazugehören

Der Mensch lässt sich vor allem durch sein Gefühl definieren, nicht so wirklich dazuzugehören. Er ist entfremdet. Deshalb sein gestörtes Verhältnis zu so Vielem: zur Natur, zu sich selbst und seiner eigenen Natur, zu Sinn und untereinander. Sehr knappe Darstellung der existenziellen Kriese »Mensch«. Aber das reicht für den Moment. Weil ASMR berührt, statt kontrolliert, weil es zum Loslassen verführt, statt gewaltsam festzuhalten, ist es ein wunderbares Pflaster für jene gestörten Verhältnisse des Menschen. ASMR ist auch deshalb eine Insel des Guten, weil es erfordert, mal nichts zu machen, sondern etwas mit sich machen zu lassen. ASMR schult Hingabe.

Unvorhersehbar

ASMR ist auch ein Loblied an den kindlichen Drang zu spielen und zu improvisieren. Wider die Perfektion! Gerade die unvorhersehbaren Momente lösen das berühmte Kopfhautkribbeln aus und geben einem das Gefühl, etwas Lebendigem ausgesetzt zu sein. Keine Einsen und Nullen. Keine Berechnung des Zukünftigen. Sondern lebendige Resonanz. ASMR lebt von der Improvisation, den kleinen Abweichungen und der Unvollkommenheit und ist damit wieder einmal mehr eine Festung gegen den bis in den kollektiven Burnout gesteigerten Zwang, die Dinge auf biegen und brechen, gut – besser – am besten zu machen. Hingabe ist auch das Dulden des Unvorhersehbaren.

Kunst

Wenn etwas kein Ziel und keinen Zweck kennt, wenn es der Sache selbst wegen getan wird und trotzdem gesellschaftlich nicht verpönt werden soll, muss man es Kunst nennen. Es reicht nicht, sich dem Spiel hinzugeben wie die Kinder. »Kunst« ist die Ausrede der Erwachsenen, spielen zu dürfen. Deswegen hat leider auch ASMR diese Ausrede nötig. Also: ASMR ist Kunst! Und was ist der »Outcome« von Kunst? Wo es in erster Linie keinen gibt, außer dass sie ein Selbstzweck ist, ist der »Outcome« in Anbetracht sterblichen Lebens enorm: Sinn.

Kunst schafft Sinn, gerade weil sie kein Ziel verfolgt. Wie das Musizieren der Geigenspieler auf der untergehenden Titanic aus einer zweckrationalen Perspektive sinnlos erscheint, ist es das aus der existenziellen Perspektive nicht. Es ist aber auch verständlich, wenn man sich auf eine solche existenzielle Perspektive gar nicht einlassen möchte.

Das beste ASMR-Video sind eigentlich alle ASMR-Videos und Einladungen zum Spiel (bzw. besser zur »Kunst«). Und diese Einladung wartet eigentlich überall. Sich hingebend kann sogar das Surren des Kühlschranks zu einer berührenden Erfahrung werden. Muss es aber auch nicht. Es kann auch einfach nur nerven.

Ein Video von der ASMR-Künstlerin Luna Bloom veranschaulicht das von mir Geschriebene so treffend, dass es eigentlich meinen Text gar nicht braucht. Vorausgesetzt, man lässt sich auf das Spiel ein …