Die Besuche seiner Tochter sind in letzter Zeit immer seltener geworden. Und als wäre das nicht schon schwierig genug, so war auch die Dauer ihrer Zusammenkünfte auf ein nötiges Minimum zusammengeschrumpft. Auch wenn er sich solcher Gedanken vehement zu entledigen versuchte, traten sie ihm in den letzten Tagen unliebsam ins Bewusstsein: Wie viel Zeit blieb ihnen noch? Die kurzen alljährlichen Besuche seiner Tochter waren schließlich, in Anbetracht seiner eigenen Endlichkeit, rasch abgezählt. Vielleicht würde er sie noch, insofern er ein ordentliches Alter erreichen sollte, zwanzig Mal sehen? Zwanzig Mal! Zwanzig kurze Treffen, die sich mehr wie eine Pflichterfüllung anfühlten, als … ja, als was eigentlich? Was war es, was hier in unsagbarer Weise im Verborgenen blieb und die Liebe zwischen Vater und Tochter mit einem melancholischen Schleier bedeckte? Was war es, was fehlte und ungesehen blieb?
Immer wenn er seine Tochter wiedersah, nahm er sogleich diese bedrohliche Stille um sie herum wahr. Es war eine Stille, die der dumpfen Finsternis des Meeresgrundes glich. Seit jeher mied er sowohl die tiefen Gewässer als auch alles Wässrige, Uneindeutige. Er fühlte sich in deren Nähe nicht sicher. Wichtiger schien es ihm, schnellstmöglich und ohne Rückschau ans Ufer zu gelangen. Ist das nicht klug? Mindestens nachvollziehbar? Wenn seine Tochter nun vor ihm stand, so waren ihm die Ausdrücke ihres Gesichts nur zur Hälfte ein Rätsel, das viel größere Rätsel stellte der Ton ihrer Stimme dar. Ein Ton, den er nicht verstand. Ein Spektrum, das dem Wasser glich, das er so sehr fürchtete. Ein unerkannter Bachlauf, der jedes Mal erneut im Schweigen mündete. Ein unheimliches Schweigen, das mit schnell gewählten Worten gefüllt werden musste. Worte, die sich endlos wiederholten. Das war ihm bewusst. Aber wie sollte er seine Tochter zu greifen bekommen, wenn sie in diese totenstille Schweigsamkeit hinabglitt?
Er hatte jedenfalls keine andere Idee, als die Stille mit Lautstärke zu füllen. Irgendwie musste er ja reagieren. Irgendwie wollte er an sie herankommen, sie erreichen. Deshalb sprach er noch mehr und noch lauter, um ihr – in seinen Augen – versunkenes Selbst doch ans Licht holen zu können. Es müsse doch irgendwie möglich sein, machbar sein. Es gab schließlich für alles eine Lösung. Davon war er überzeugt. Wenn etwas defekt war, ließ es sich, seiner Erfahrung nach, reparieren. Aus Steinen werden Häuser gebaut und Chirurgen können Tumore entfernen. Warum schien es dagegen unmöglich, die so einfache Aufgabe zu bewältigen, die baufällige Brücke zwischen sich und seiner Tochter wieder aufzubauen?
Auch wenn er weder die Worte noch die direkte Einsicht darin gehabt hätte, so verriet seine Intuition, dass die Verschwiegenheit seiner Tochter ein Geheimnis gebannt hielt, das ihn ängstigte. Irgendwie hatte sie sich an einem Ort heimisch gemacht, den er Zeit seines Lebens mied. Hier einen Schritt auf sie zuzugehen, statt sie herauszerren zu wollen, schien ihm ein guter Anfang. Aber er besaß weder die Mittel noch den Mut, diesen Schritt zu gehen. Es kam ihm unendlich unklug vor, ja, in letzter Konsequenz sogar suizidal, loszulassen statt zu machen, Raum zu gewähren statt Raum zu gestalten.
Sie dagegen hörte die Stimme ihres Vaters als Befehlston. Ihr schlug die Herrschsucht im lückenlosen Machbarkeitsglauben ihres Vaters auf den Magen. Ihr war schon klar, dass er einer anderen Generation angehörte. Dass er – anders als sie – weder in Urvertrauen zur Welt gebracht wurde, noch sonst sich in existenzieller Sicherheit wiegen durfte. Seine Welt war die einer permanenten Bedrohung, in der die direkte Handlung nicht nur klug, sondern lebensnotwendig war. Sollte sie einem solchen Mann zu viele Tränen zumuten? – Ihn mit der Natur ihrer Gefühle zu konfrontieren, die sie sich im Stillen bewahrt hatte, würde ihn überfordern. Deshalb bekämpfte ihr Vater sie stetig mit seinen Worten. Stampfte sie ein mit dem nächsten schnellen und lauten Ton. Während sie immer nur tiefer und tiefer hinabglitt.
Zwanzig Mal! Vielleicht zwanzig Mal würden sie sich noch sehen. Wird sie noch darauf warten können, dass ihr Vater endlich all die Tränen weint, die er nie geweint hat? Wird sie darauf warten können, dass seine chronisch versteiften Schulterblätter letztlich von selbst nachgeben, um sein Wesen zu erweichen? Oder erwartet sie einfach zu viel? Ist es nicht sie, die sich hervorwagen sollte, ihre Stimme anhebend, um selbst die Herrschaft zu übernehmen? Was würde sie auf diesem Weg zurücklassen? Wie viel der Tiefe, die sie sich bewahrt hatte, würde dadurch verschüttgehen? Würde sie sich irgendwann noch der Feinheiten ihrer Stimme erinnern, wenn sie ihrem Vater mit einem unzweideutigen Brustton entgegentrat?