Sie war eine Wasserratte. Sie mochte es so gar nicht, auf irgendetwas festgenagelt zu werden. Das Festland betrat sie nur gelegentlich. Begriffe verwendete sie ungefähr. Manchmal vertauschte sie Buchstaben, manchmal ganze Satzgebilde und Bedeutungen, allzu oft zerfloss auch die Gewissheit um sie.
Dass ich auf diese Weise über sie schreibe, würde sie mindestens beargwöhnen. Es könnte sogar eine Migräneattacke auslösen. Ihren natürlichen Wellengang zu stören, gilt es zu vermeiden. Ihren Fluss bezeichnend zu lenken, bringt sie in Aufruhr und – wenn die Worte zu deutlich werden – sogar zum Überschäumen. Zur Not findet sie unterirdische Wege zum Absickern oder pinkelt auf Feuer. Gerne würde ich deutlicher über sie sprechen, statt in Rätseln und Metaphern, aber Worte sind nun mal Festland. Und Festland immer hart, im Vergleich zu Wasser.
Ihr war lange nicht bewusst, dass auch ihre Strömung für Unruhen sorgte und dass auch sie noch viel zartere Wesen verschreckte, die ihr lange Zeit unsichtbar geblieben waren. Nur, weil das Festland sie hart umgrenzte, hieß das ja noch längst nicht, dass ihre Wasserart nicht auch irgendetwas Unscheinbares ebenso hart umgrenzt. Dieses Unscheinbare ist die zarteste Wesenheit in diesem Universum. Unendlich fragil, unendliche Weiten verbindend.
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Manch einer findet Halt auf dem Festland. Und nicht bloß das, sondern darüber hinaus formt sich aus einer gewaltbringenden Wut letztlich intellektuelle Schärfe, Grenzen und Länder, Kompass und Karte. Was für eine Kraft, diese Kopf-, Zahlen- und Kastenart. Zement anmischen, das Steuer in die Hand nehmen und sogar den Thron besteigen. Kein Wunder, dass bei all der Exaktheit des Maßes irgendwann die Sehnsucht zum Fließen, Zerfließen und Ineinanderfließen wieder auftaucht. Und den Männern wird Beifall gezollt, die ein, zwei oder drei Tränchen kullern lassen, kullern lassen können, die willentlich die Dämme öffnen und dem Thron den Rücken kehren.
Auch wenn es ungern gesehen und noch weniger gern gehört sein mag, so gibt es bei all der feinfühligen Einsicht doch einen blinden Fleck. Auch wenn es fruchtbar sein mag, vergiftete und auf Abwegen geratene Länder zu spülen, ist das noch keine Absolution für alles, was fließt. Wie viel Gewalt war eigentlich in den Fluten? Wie viel Wut in der zarten Anschmiegsamkeit des Wassers? Wer auch das Unerhörte sich traut in den Blick zu nehmen, die Potenz des Potenziellen, die Wucht und Wirkung des »Sorgsamen«, wird vielleicht ein Ohr für die Arroganz und vermeintliche Unfehlbarkeit des Wassers haben. Und wer zu Recht den Fall des Throns fordert, die Erweichung der Hartgesottenen, das Fluten des sonnenversengten Festlands, darf sich möglicherweise dabei selbst an die Nase fassen und endlich vom Sattel steigen. Dazu gehört aber auch zu erkennen, dass das vertraute Terrain vielleicht zwar vertraut war, aber nicht unbedingt und absolut über jeden Zweifel erhaben. Das limbische System ist alt, aber nicht uralt.
Vielleicht könnte es sein, dass hinter dieser und jener weichen Einfühlung eine unendliche Brutalität verborgen ist, die erst im Dickicht größerer Verzweigungen offenbar wird und mit Kopf und Herz nicht zu erahnen ist? – Es gibt Gründe, die ihren Ursprung in viel älteren Regionen dieser Welt haben, die weder kartographiert werden können noch sich einfühlsam ertasten lassen. (Beweg-)Gründe und Abgründe, jenseits von Gut und Böse, in denen Schlangen heimisch sind.