Stift und Papier

Er hatte sich bereits mehrfach an den Schreibtisch gesetzt – und nicht nur an den Schreibtisch –, um, wie so oft, den Stift aufs Papier zu drücken und etwas auszudrücken. Wie ein Schatten huschte ein Unbekanntes den krakeligen Linien seiner Buchstaben hinterher und trieb sie ins Unleserliche, ohne dass ihr Schöpfer jemals darin eingewilligt hätte.

Plötzlich durchfuhr ihn eine Ahnung: Mit einem Mal war es, nur für einen Augenblick, als sei die Welt verkehrt und als hätte dieser Tag plötzlich auch eine verborgene Nachtseite. Wie, wenn jede Gebärde ein unendlicher Brunnen sei, immer tiefer und noch tiefer hinabreichend? Hinter jedem Motiv noch ein weiteres, urgründigeres Motiv? Hinter jedem Wort und Zeichen ein unabschließbares Rätsel? Eine unheimliche Fremde? Den Romanesco-Röschen gleichend, die er so sehr liebte … Und wie, wenn sich irgendwo in der unsagbaren Tiefe dieses Brunnens ein guter Geist gesichtslosen Widerstands befände, der sich vor dem Licht dieses Tages wehrt? Gleichsam ein Dämon aus einer alten Welt?

Er merkte, dass dieser Schatten seinem Stift unablässig hinterherjagte und die angestrebte Reproduktion seiner Buchstaben verhöhnte. Er vermutete, dass es zu nichts führen würde, ihn zu fragen, warum er das macht. Er würde ja schließlich auch kein Blatt fragen, warum es wächst.

Wenngleich man schnell darum geneigt sein könnte, diesen alten Greis über seinem Blatt Papier vorzuverurteilen, so bleibt doch die Restmöglichkeit bestehen, dass seine Erfahrung in irgendeiner Form jeden betrifft. Dass diese Geschichte hier nicht einfach vom Taumel der Existenz erzählt, die ein sonderbarer Schreiberling beim Schreiben erfährt, auch nicht von einer krankhaften Entrückung des Geistes, sondern von etwas Anderem. Vielleicht auch etwas ganz Anderem oder dem Ausgleich der Kräfte? Vor allem aber vom Unzähmbaren und Unerziehbaren. Und das ist – mag es auch beim erstmaligen Hören nach Rebellion oder Giftzähnen klingen – gebärend.