Spule mit Kupferdraht

Eines Tages (oder war es bereits Nachts?) beschloss sie in ihrer alten Kiste zu kramen, um zu sehen, ob darin Vergessenes beherbergt sei. Und wie sollte es auch anders sein, fanden sich darin allerlei Gegenstände, die ihr unzweifelhaft mal ans Herz gewachsen waren und die – waren sie doch dem Herzen so nah, dass aus Gewöhnung Vergessen wurde – vergessen wurden. Im zarten Licht der Dämmerung fühlten ihre Finger diese Gegenstände wie zum ersten Mal und im Verschwinden der Sonne durfte sie im Alten das Einmalige ertasten. Was für ein Segen! Aber ihr eigentlicher Fund, das, was ihr eine Welt voller unmöglicher Geschehnisse und verborgener Nuancen des Daseins aufschließen sollte, war etwas, dass ihr unheimlich vertraut vorkam, sich ihr geradezu urwüchsig ins Sichtfeld beimischte, und gleichzeitig in dieser Kiste überhaupt nichts zu suchen hatte.

Es war eine kleine Spule mit einem aufgewickelten Kupferdraht. Zunächst erschien ihr das wenig bemerkenswert. Irgendein übriggebliebenes Teil von irgendeiner auseinandergebauten Konstruktion, das zu schade zum wegwerfen war. Solche eigentlich unnützen Teile hatte sie überall aufbewahrt. Sie würde ja vielleicht darauf zurückkommen? Wenngleich sie sich doch insgeheim recht sicher war, dass sie nie darauf zurückgreifen würde. Manche Dinge scheinen gerade dafür da zu sein, in die Welt ungesehener Sachen zu entschwinden. Und wer würde schon ahnen, dass sie wieder auftauchen?

Die Spule jedenfalls war, kurz gesagt, magisch. Wenn man an ihr drehte, konnte man die Zeit verlangsamen oder beschleunigen, je nachdem in welche Richtung sie gedreht wurde. Für sie war zur Zeit die Beschleunigung ein interessantes Unterfangen. Ihre Wahrnehmung blieb ja gleich, weshalb die Beschleunigung vor allem bezweckte, dass sie mehr sah, empfand und mit Aufmerksamkeit bedachte, als sonst. Warum sprechen Hynotiseure so schnell, wenn sie ihre Hypnose wirksam machen wollen?

In dieser beschleunigten Welt konnte ihr schnell etwas schwindelig werden. Doch sie machte es sich zur Aufgabe, sie zu pflegen und zu hegen wie eine Pflanze. Sie wusste jedenfalls auch, dass es keinen Grund gab, sich zu sorgen. Und so umspannte sie mit ihrem Wesen diese verdichtete Welt unendlicher Nuancen.

Ihm dagegen war das Umspannen von Dingen fremd. Er hätte es gar nicht als seine Aufgabe verstanden. Und obwohl im auch schon die ein oder andere Spule und noch ganz andere unnütze Gegenstände untergekommen waren, schritt er nur vorsichtig über Feld und Boden beschleunigter Zeit, weil er wusste, dass sich hier zwar viel abspielte, aber nur wenig wirklich ereignete. Die wirkliche Welt war schließlich jene, in der die Bewegung selbst passierte und der Rest waren nur Zeichen.

Im traumlosen Schlaf öffnete er schließlich die Augen und sah nichts als grenzenlose Liebe.