eating sneaker

Sneaker fressen

Neulich war es wieder so weit und mein Paar Sneaker für den Sommer hat einen Zustand des Verfalls erreicht, der im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr tragbar war. Die Schuhe waren kurz vor dem Auseinanderfallen. Also: Zeit für neue Sneaker! Irgendwas Bequemes, Luftiges, das mich unbeschwert durch möglichst viele Sommer trägt.

Kauflust

Schuhe kaufen: eigentlich eine schöne Beschäftigung. Ich interessiere mich für Design. Auch dafür, einen passenden Ausdruck für meine Identität und Befindlichkeit zu finden. Sowas bereitet mir prinzipiell Freude. Vor allem, wenn es gelingt. Wie erfrischend ist das Gefühl, von einem neuen Kleidungsstück umhüllt zu sein, das eine bisher noch unerfahrene Repräsentation bereitstellt? Wie werde ich mich fühlen und wer kann ich in den Augen anderer werden? Die Lust des Verkleidens! – Dieses mal jedoch ist die Suche, mehr denn je, zu einer labyrinthischen Irrfahrt verkommen. Die Shoppingtour, im Real Life und im Internet, wurde zu einer schwindelerregenden – ich muss es gestehen – Überforderung. Aus Lust wurde Verdruss.

incredibly huge walls of different kinds of sneakers

Vielleicht ist es nur ein persönlicher Eindruck, aber mir ist eine schier unüberwindbare Mauer des Überangebots direkt vor meiner Nase erschienen. Eine Mauer, die den strengen Geruch übersättigter Beliebigkeit trug. Die Auswahl hat mich erschlagen. Die Beschäftigung mit dem aktuellen Angebot im Schuhmarkt hat auch außerhalb der Suche mein Bewusstsein für die unüberschaubare Vielfalt an Sneaker geschärft. Was ich sonst so gut wie ausgeblendet hatte, schlich sich unversehens – gleich einem trojanischen Pferd – in meine Wahrnehmung und entzündete die rasch sich verbreitenden Flammen der Reizüberflutung.

Übersättigung

Überall waren jetzt Schuhe und so gut wie kein Paar glich dem anderen. Was mir früher immer als Repräsentation und Mitteilung verkauft wurde (»Kleider machen Leute«), stellte sich jetzt allenfalls noch als Logorrhö dar. Unkontrollierte und unstrukturierte Äußerungen ohne Ende, ausgehend von Füßen. Ich habe kapituliert. Ich musste mir eingestehen, dass ich im Wust dieses aktuellen Angebots keine adäquate Repräsentation mehr für mich zu erkennen in der Lage war. Noch weniger konnte ich mich von der Idee der Repräsentation freimachen und einfach einen gut sitzenden Schuh aussuchen. Auch die Wahl der Wahllosigkeit blieb mir verwehrt. Das Angebot drängte sich mir so sehr auf, dass ich nur noch in der sich abwendenden Bewegung des Ekelgefühls einen Zufluchtsort finden konnte. Ich war längst satt und doch – ich brauchte ja Schuhe – wurde ich überfüttert durch einen Markt, der einem nicht enden wollenden Redestrom gleicht.

Es ließe sich jetzt einiges von diesen Beobachtungen ableiten. Über ein Stadium des Spätkapitalismus, in dem aus Kaufrausch, Gefräßigkeit, und »Geiz ist geil« längst schon eine allgemein vernehmbare Übersättigung geworden ist. In dem eine ganze Gesellschaft im adipösen Teufelskreis von übermäßiger Zufuhr und negativer Selbstbewertung feststeckt, von wo aus sich »Ich brauche«, »Ich brauche«, »Ich brauche« in Endlosschleife reproduziert. Es könnte aber genau so gut auch sein, dass meine Empfindung rein privater Natur ist und jeder Rückschluss auf das große Ganze eine unzulässige Projektion.

Modrige Pilze

Ich kenne jedenfalls das Gefühl der Übersättigung nicht nur vom Schuhe kaufen. Manchmal wünsche ich mir, es gäbe nur zehn Wörter in unserer Sprache. Oft fällt es mir schwer in Anbetracht der Vielzahl an zur Verfügung stehenden Wörter in unserem Wortschatz überhaupt noch irgendeinen Sinn und ein Gewicht im jeweiligen Wort zu finden. Dann fallen mir die Worte aus dem Mund »wie modrige Pilze«, wie es Hugo von Hofmannsthal in seinem bis heute vielzitierten Chandos-Brief formuliert. Im selbigen heißt es weiter:

»Es gelang mir nicht mehr, sie [die Dinge] mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen, die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.«

Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief. In: Ders. Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Rudolf Hirsch, Cristoph Perels u. Heinz Rölleke. Frankfurt a. M. 1991. S. 49.

Nichts beschreibt treffender, wie ich mich jetzt auch beim Schuhekaufen gefühlt habe. Und es wäre ein Leichtes, meine Empfindungen als die eines überspannten Neurotikers zu verstehen. Aber dann wäre auch keine Gesellschaftskritik mehr möglich. Am Ende meiner Shopping-Irrfahrt ist mir eingefallen, dass ich irgendwo im Keller noch alte Laufschuhe habe. Schuhe, die mir vollkommen egal sind. Die mir gerade deswegen erlauben, sie aus eigener Bereitschaft heraus wertzuschätzen.