Als die Sonne mittags am höchsten stand und er die Tür zu seiner Wohnung öffnete – einer Wohnung, die ihm auch nach all der Zeit überdurchschnittlich verwinkelt vorkam –, war ihm der Sekretär aufgefallen. Er hatte weder darüber nachgedacht noch mit jemandem darüber gesprochen, dass er sich ein solches Möbelstück anschaffen wolle. Und so war es ihm natürlich ein außerordentliches Rätsel, dass dieses Gebilde nun in seinem Wohnzimmer stand, ganz unverhofft, mit der Front in seine Richtung weisend. Dennoch – und das schien ihm bedeutend – nicht in dem Sinne, dass darin etwas Einladendes gewesen wäre.
Er wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte, und bei aller Ehrlichkeit würde er auch gestehen müssen, dass er keine Vorstellung davon hatte, wozu so etwas da sei. Er könnte sich jetzt zunächst mit der Frage herumschlagen, woher der Sekretär kam. Wie war er dort, mitten in seinem gemütlich eingerichteten Lebensmittelpunkt, aufgetaucht? Er fand es aber ganz im Sinne seiner Erziehung unnötig, sich über solche tieferen Fragen des Ursprungs Gedanken zu machen. Diese Frage zu stellen, käme ihm wie ein unerhörtes Anfassen vor, entweder einer verbotenen Frucht oder eines Feuers, an dem man sich ungemein verbrennen könnte.
Viel wichtiger schien ihm die Frage, was er mit diesem wenig durchdachten und unproportionalen Holzgefüge anfangen sollte. Die Farbe gefiel ihm. Die Türen quietschten etwas, aber nur so viel, dass darin auch der beruhigende Gedanke mitschwang, dass es sich hierbei wirklich um einen Gebrauchsgegenstand handelte. Alles in allem war der Sekretär aus massivem Holz gefertigt und hatte, so musste sich sein unfreiwilliger Besitzer eingestehen, seine Vorzüge. Vielleicht könnte er daran spezielle Aufgaben erledigen, die nicht ganz zu seinem Schreibtisch passten und im Bett unhandlich zu bewerkstelligen wären. Vielleicht könnte er ihn als Ort der gedanklichen Ruhe nutzen, wo es nicht darum ging, etwas zu erledigen, sondern etwas entstehen zu lassen – gewissermaßen das Meditationskissen für seine graue Substanz.
So verlockend der Gedanke war, irgendeine neue Routine an diesem urplötzlich erschienenen Möbelstück zu etablieren, gestand er sich ziemlich schnell ein, dass die Ideen zur Rechtfertigung, es zu behalten, grobe Verrenkungen seines Geistes erforderten, die sich nicht richtig anfühlten. Warum es also nicht loswerden? Obwohl ihm zwar die Infragestellung seines Ursprungs unerlaubt erschien, müsste doch niemand etwas dagegen haben, wenn er es abgab. Irgendein Interessent würde sich dafür sicherlich finden lassen. Es hatte schließlich eine schöne Farbe. Vielleicht könnte er damit ja sogar etwas Profit machen.
Nachdem er versucht hatte, es auf alle erdenklichen Weisen zu verkaufen – keine davon war von Erfolg gekrönt –, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Sekretär zu verschenken. Aber auch als Geschenk fand er keinen Abnehmer. Überhaupt erwies sich das Verrücken des ausgefallenen Gegenstandes als zäh. Und auch seine Bauweise verhinderte auf vielerlei Weisen, dass es sich adäquat demontieren ließ. Er begann, nach alternativen Lösungen zu forschen – nichts davon war zielführend.
Auch nach all seinen Versuchen wäre es ihm immer noch unerhört vorgekommen, die nächstliegende Frage zu stellen, nämlich die nach dem Ursprung. Deshalb entschied er sich, den Sekretär, so wie er ihn vorfand, in seiner himmelblauen Farbe, in ein wildfremdes Wohnzimmer zu stellen, mit der Front in Richtung Eingang weisend.