Gesicht im Dunkeln
© Björn Höller

Schatten

Eines Tages war ihr klar geworden – es war ihr wie Schuppen von den Augen gefallen –, dass sie kein zu Hause hat. Mit dieser Erkenntnis, es war ja keine gewöhnliche Einsicht, sondern eine die Tiefe des Wesens erfassende und erschütternde Umwälzung dessen, was sie bis dahin als ihre Welt empfunden hatte, empfand sie auch die existenzielle Einsamkeit, von der sie zuvorderst nur in Dichter- und Philosophenbüchern gelesen hatte. „Nicht einmal das Licht“, so in einem dieser Bücher, „dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte, es anzuzünden, wollte von mir wissen.“ Aber sie war längst über den Punkt hinaus, dass sie in solchen über 150 Jahre alten sentimentalischen Sätzen Trost fand. Im Gegenteil: Mit jedem gesagten Wort blieben ja fünf Wörter ungesagt und zugleich fünf weitere mögliche Handlungen ungetan. Und überhaupt: Es gehört schon viel Fantasie dazu, zu glauben, einem lodernden Licht sei mit irgendwas irgendein Dienst getan.

Also: Wo sie einst auf den Ringbahnen illusorischer Wortbauten ihre Kreise zog, verstand sie nun – und was ein Wunder, sogar dafür gab es ein Wort, das den Dichtern und noch mehr den Philosophen gefallen dürfte – die Emergenz abstrakter Begriffe aus den konkreten Sinneswahrnehmungen, Handlungen und Gefühlen.

Die Heimat, die sie stets in der Fantasie vor- und wiedergefunden hatte, war zugrunde gegangen. Endgültig. So blieb ihr nichts anderes übrig als sich selbst ein Haus zu bauen. Der Samen dafür war gepflanzt. Die Blumen begannen zu gedeihen. Was für eine Wohltat, die wilde Kraft, die gütig über die Prärie treibt! So viel Schaffenskraft zum Guten. Den Widerständen zum Trotz. Den stürmischen Urkräften der steten Erneuerung die Stirn bieten. Ja, es ist möglich! Wenigstens ein bisschen. Die Erlaubnis, zu hoffen und Stein auf Stein zu setzen. Es ist möglich. Trotz der Geschichte! Trotz der Sumpflandschaften! Trotz der Verhältnisse! Und auch trotz der eigenen Dämonen!

Und so baute sie. Viele Hände waren beteiligt. Was für ein Segen! Die gemeinsame Arbeit an Etwas und das sprießende Leben in Verbindung.

Doch dann geschah, wie so oft, das Unerwartete. Der Schatten ihrer selbst stand urplötzlich vor ihr, war Mensch geworden. Wie auch immer das möglich war. Weniger unerwartet als offensichtlich überschätze sie ihre Fähigkeiten maßlos. Die Affekte dieses Schattens zu halten, kam ihr wie eine Aufgabe vor, für die sie gewappnet, geradezu auserwählt sei. Kannte sie doch die Abgründe von Zeit- und Ortlosigkeit aus eigener Erfahrung. Und noch viel mehr den schmalen Grat zwischen Verständnis und Veränderung. Was ihr jedoch unbekannt war, war der eigentliche unentwirrbare Exzess, den so mancher Abgrund bereithält. Und dass die Kräfte, die den menschlichen Geist übersteigen, wirklich unverrückbar sind. Dass der Glaube daran, die Natur zu vermessen, wirklich vermessen ist.

Obwohl sie das Sprechen in Bildern mittlerweile vorsichtig handhabte – wie eine uralte magische Sprache, die sie besser in den erfahrenen Mündern von Zauberern aufgehoben sah – empfand sie die Begegnung mit dem menschgewordenen Schatten als eine Prüfung. Eine von der Sorte, deren Absolvieren die Haare ergrauen lässt.