Pforten

Man kann eine Sache, vielleicht seinen Finger oder eine Wolke, anschauen. Dann kann man sie wieder anschauen, weil man beim ersten Mal nicht richtig hingesehen hat. Dann kann man nochmals und nochmals schauen, weil – nach und nach – eine Ahnung davon aufsteigt, dass die Struktur der Oberfläche nur eine überstürzte Meinung war, keine Beobachtung. In der festgeglaubten Kontur eines einzelnen Tons macht sich allmählich die Mannigfaltigkeit aller Töne bemerkbar und hinter der Struktur eines Bauwerks stürzt dessen Genese in eine unerhörte Strukturlosigkeit. Ein einzelner Blick, ein einzelner Ton, eine Sache und eine Bewegung sind unendlich. Nicht in der Tiefe, sondern an der Oberfläche. Nicht die Anstrengung, die Vielheit zu suchen, öffnet die Pforten der Wahrnehmung, sondern die stille Annahme dessen, was bereits da ist. Aufgabe und Hingabe an das Unscheinbare. Sich demütig fallen lassen in das, was gegeben wurde und nicht errichtet. Den Blick nicht abwenden (weil es einfacher wäre) vom Einen … vom Einen … Einen … Einen … … …

»Das Fragment ist ganz, denn es ist einmalig, einzigartig, nicht austauschbar und nicht ersetzbar – es gibt ja nichts anderes als das Fragment. Dennoch bleibt es bloß ein Fragment, etwas mit einer Scharte Behaftetes, das sich nirgends einbauen lässt, das ein für allemal um seines Selbst willen da ist. Wie eine Glasscherbe, in der das ganze Dasein wie in einem Zauberspiegel erstrahlt – einschließlich der Scherbe selbst, die sich immer wieder in sich selbst widerspiegelt.«

László F. Földényi: Starke Augenblicke. Eine Physiognomie der Mystik. Berlin 2013. S. 128.