Möwen

Zuerst über die Möwen aufgeregt. Alle Welt beschwert sich über die Tauben. Was ist eigentlich mit den Möwen? Tauchen gerade dort auf, wo es schön ist. Am Ufer. Und dann, unentwegt »Meimeimeimei« am krakeelen. Kennt man das Wort »krakeelen« überhaupt über den Westerwald hinaus? Und dann, auf dem Höhepunkt eines meditativen, geradezu transzendentalen Sitar-Konzerts, inmitten des Innenhofs des Naturkundemuseums, als die Finger der Spielenden sich verselbstständigten und einen Rhythmus fanden, der von Nirgendwo kam, wieder eine dieser Möwen: nur dieses Mal mit einer Ladung Scheiße im Gepäck, direkt über eine Reihe der sitzenden und genießenden Zuhörerschaft entladen. Was für ein Höhepunkt! Naja, dann weitergezogen und in Meeresnähe ein Eis von Mövenpick genossen. Kokosnuss und Karamell. Karamell war gut, Kokosnuss nicht. Irgendwo am Ufer einen kleinen süßen Stein gefunden. Anschmiegsam. Tolles Gefühl in der Hand. Irgendwie schwer, den loszulassen. Ist doch nur ein Stein? Du hängst doch sonst nicht so an Sachen? Ein sehr kleiner Stein. Direkt am Meer. Ein bisschen wie ein Samenkorn oder Keimling. Es wird Zeit, weiterzugehen. Also Stein ins Meer. Viel über Metaphern und Symbole nachgedacht auf dem Weg. Irgendwo mitbekommen, dass die EZB die neuen Designs der künftigen Euro-Scheine vorgestellt hat. Das Design von Jan Robert Dünnweller am besten befunden. Obwohl die Vögel auch süß sind. Aber zurzeit auf Kriegsfuß mit Flugtieren. Jetzt mal ein Absatz, sonst unlesbar.

Den letzten Absatz mit »Zuerst« angefangen, also jetzt mit »Dann« weiter machen. Irgendwie ein bisschen anschlussfähig bleiben. Dann, also, ein unendlicher Mittagsschlaf. Obwohl ja jeder gute Mittagsschlaf irgendwie auch unendlich ist. Im Traum eine geliebte Frau. Natürlich. Und dann eine Aufgabe: Wer traut sich, den Tiger zu küssen? Oder war es ein Löwe? Die Frau meldet sich. Oder ist an der Reihe. Sie atmet aus, tief aus und nähert sich mit geschlossenen Augen. Der Tiger schnauft, auch tief und laut. Alles verlangsamt. Bedrohlich. Und dann ein Kuss. Ein schöner Kuss. Irgendwie befremdlich. Aber auch eine seltene Berührung. Bedeutungsschwanger, in einer Zeit, in der die Symbole an Farbe verlieren und die Revolte drängt. Kann man das so sagen? Vermutlich nicht. Zumindest nicht ganz. Einfach wieder ein Absatz.

Wie hat eigentlich Bukowski geschrieben? Selbst nie gelesen. Vielleicht mal die KI fragen? Und dann als Referenz einmogeln? Eigentlich nur drüber nachgedacht wegen einer geliebten Frau. Natürlich. Geht nicht jeder gute und schlechte Gedanke am Ende zurück auf eine geliebte Frau, und am Ende auch auf Äther und Uterus? Aber das ist wieder ohne Grenze gedacht. Gedankenverloren, ausgestreut in unbetretbare Pfade und gefährliche Gefilde mit Stop-Schildern – versehen. Aber noch zu früh für den nächsten rettenden Absatz. Tippeldietapp, Tastatur, vielleicht kommt auch hier die Möwe und rettet vor dem Entgleiten?

Viel nachgedacht. Nirgendwo zu einem Punkt gekommen. Schwierig, rastlos, zwischen scheißenden Möwen und Gedanken an Ursprünge und Ursprünglichkeit. Pack ein »-keit« oder ein »-ismus« an ein Wort und plötzlich wird daraus, unter Umständen, ein kluger Gedanke. Vor kurzem das Promotionsvorhaben gelesen. Über Jean Paul. Nicht über den mit »Gaultier« am Ende und auch nicht über den mit »Sartre«. Irgendwie geil, so viel Triebkraft in angesehene Bahnen gelenkt. »Wenn die wüssten!« Man kann auch Bücher fressen oder wegsaufen wie eine Dose Red Bull oder eine Flasche Jägermeister. Sublimation. Muss man aber nicht.

Wieder verloren in Gedanken. Am Anfang war doch eine Geschichte, etwas Erzählbares. Zumindest halbwegs. Es gab ein »Zuerst« und ein »Dann«. Damit ist schon viel gewonnen. Naja, schon wieder viel verloren. Dran gewöhnen. Die Möbel umrücken, umziehen, irgendwo heimisch machen zwischen den Stühlen. Schon lange gewartet. Weiterziehen. Und noch ein gutes Ende finden. Vielleicht ein erwähntes Motiv nochmal aufgreifen? Vielleicht Bukowski? Nicht doch, schon wieder ein Gedanke an jene unberechenbare Frau! Vielleicht etwas Rätselhaftes oder Pathetisches zum Schluss? Zum Mitnehmen, zum darüber Nachdenken? Oder abrupt enden? Ein kaltschnäuziges »Nö«? Ein reflexionsloser Punkt? Alles, nur kein Fragezeichen, aber bitte auch kein Dreipunkt, ach keine Ahnung, dann eben, wie immer, ein bedeutungsloser Punkt.