Wer Medusa ansieht, wird zu Stein verwandelt. Unabdingbar. Perseus gelingt es, die Grauenvolle zu enthaupten. Aus ihrem Blut treten zwillingsartig zwei Gestalten hervor: Pegasus, das geflügelte Pferd, und Chrysaor, ein Riese mit goldenem Schwert. Die versteinernde Frau mit Schlangenhaaren ist bezwungen! Wieder die Geschichte eines listenreichen Helden, der einen Spiegel verwendet, um den unheilbringenden Augen der Gorgone zu entkommen. Und letztlich seinen siegreichen Triumph feiern darf.
Dass die Medusa-Geschichte alles andere als siegreich oder triumphierend ist, wird schnell vergessen. Lieber nicht genauer hinsehen! – Medusa hat sich ihre Gestalt und Wirkung nicht selbst ausgesucht. Vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt, dafür von Athene bestraft und verwandelt, wird sie zum versteinernden Ungeheuer mit Schlangenhaaren und gebiert Poseidons Abkömmlinge mit ihrem Tod.
Aber es ist nicht verwunderlich: Wer wirklich hinsieht, muss zu Stein werden. Unabdingbar. Es braucht die List und die Lüge und siegreiche Geschichten. Es braucht das Symbol und den Spiegel. Ein Spiegel, in dem sich das grenzenlose Blau des Meeres zeigt. Wo Urkräfte in Mitteilungen und wilde Wellen in Tränenflüsse verwandelt werden. Um die viel ältere Wahrheit und Kehrseite nicht sehen zu müssen.
Wie ein gut gehütetes Geheimnis bleibt zumeist im Dunkeln, dass auch Eros Medusa einst begegnet ist. Weder hatte er Angst vor den zischenden Schlangen auf ihrem Kopf noch vor ihrem versteinernden Blick. Und so schlich er sich heran, vernahm mit geschlossenen Augen ihren Puls und Atem, und bemerkte hinter der unendlichen Stille in ihr auch ihren eigentümlichen Rhythmus. Und so ereignete es sich, dass die beiden, wenn auch nur für einen Moment, im Licht der Selene miteinander tanzten.
Eros ist ein Träumer. Einer, der auch noch im zartesten Windhauch über stillen Sommerwiesen eine Berührung erahnt; der mit geschlossenen Augen immerfort daran glauben möchte, dass Medusa aufbricht und durch alle Wellenschläge hindurch endlich auftaucht. – Wie gesagt: Eros ist ein Träumer.
