heaviest matter

Die schwerste Materie

Schon früh war er von einem Entdecker- und Erfindergeist getrieben, der ihn an die abgelegendsten Orte auf dieser Erdkugel schickte. So hatte er sich beispielsweise in den Kopf gesetzt, eine Umgebung zu finden, die vollkommen windstill ist. Auf irgendeine unerfindliche Weise hatte sich in seiner Fantasie ein Ort zusammengefügt und als Bild manifestiert, der an Zartheit nicht zu übertreffen wäre. Der zarteste Ort der Welt sozusagen. So einen Ort müsste es doch irgendwo geben?

Er interessierte sich zwar auch für die Elemente – wie gerne tauchte er in Wasser ein, wie gerne ließ er sich vom Feuer wärmen, was für ein Wunder war ihm die Vitalität der Erde und welch ein Zauber der stets sich drehende Wind –, aber am meisten interessierte er sich für die zarteste Materie im Universum. Zum Beispiel faszinierte ihn, seit er zum ersten Mal davon gehört hat, das Einstein-Bose-Kondensat. Es interessierte ihn mehr noch als die Elemente. Früh ließ er sich von der wagen Vermutung leiten, dass es durchaus zartere Gebilde als die festen, die flüssigen und sogar als die gasförmigen geben müsse. Was für ein Wunder, dass selbst die Physik, als harte Wissenschaft, solche zarten Gebilde kennt. Seine Ahnung vermittelte ihm dann irgendwie doch auch Gewissheit darüber, dass es unendlich zarte Verbindungen gibt. Und zwar überall, wenn auch unerkennbar.

Seine Suche nach dem zartesten Ort der Welt führte ihn an die verrücktesten Orte. Irgendwann glaubte er diesen Ort gerade dort gefunden zu haben, an dem sich Fantasie und Realität berühren, also wo eine Vorstellung zur Tat werden könnte, aber noch nicht geworden ist. Ein erster Kuss zum Beispiel, der sich ankündigt, der als Idee schon den ganzen Raum eingenommen hat, eine Zukunft gewissermaßen, die kurz davor ist, sich zu realisieren. An diesen Augenblick lässt sich ein Lupe ansetzen, bis er sich ausdehnt und zu einem unendlichen Reich wird. Eine Fuge als stiller Vorraum jeder Schöpfung. Solche Räume gibt es überall. Und sie sind unendlich zart. Aber sie sind noch nicht der zarteste Ort der Welt. Das merkte er daran, dass in ihm das Suchgefühl bestehen blieb. Es müsse also irgendwo noch einen zarteren Ort geben. Nur wo sollte dieser Ort sein?

Irgendwann lernte er eine Frau kennen, deren Augen bodenlos waren. Sie ließen sich weder beschreiben noch abbilden. Erst von Angesicht zu Angesicht offenbarten sie ihre Zartheit. Es war, als wäre in ihnen eine Stille als die Geburtsstätte allen Daseins gebannt. Wie auch immer das möglich war. Der Ausdruck dieser Augen war ganz klar einer der zartesten Orte überhaupt. Sie schienen auch nicht zu schauen, sondern zu empfangen wie ein sensibles Gehör. Kann man mit Augen zuhören? Ja, diese Augen konnten es!

Nun kann es durchaus sein, dass jene empfangenden Augen gerade auf ihn eine besondere Wirkung taten, weil er sich in sie verliebte. Und der Zauber der Liebe rührt ja immer an Ursprüngliches und Unsagbares. Aber der wirkliche Grund war, dass in ihnen eine Einsamkeit zum Ausdruck kam, die er teilte. Etwas Ungesehenes, Ungehörtes, Unvernommenes. Manch einer geht zum Weinen in den Schrank und wieder ein anderer fliegt dazu bis hinter den Mond. Wenn sich zwei Einsamkeiten berühren, sei es auch nur für einen Moment, einen flüchtigen unmöglichen Moment, was passiert dann? Wenn ein Junge vom Weltall her seine Hand in Richtung Erde streckt und ein Mädchen ihre Tränen zum Schrankboden hin strömen lässt und diese beiden sich, wie auch immer das möglich ist, irgendwie erkennen, wenn auch nur für den Moment einer unsagbaren Unterbrechung, was passiert dann? Was entzündet sich da, wo Leere auf Leere trifft? Als würde man die Uhr des Daseins bis zum Anfang aller Dinge zurückdrehen und Zeuge davon werden, wie eine alles umfassende Tonlosigkeit sich endlich teilt, um den ersten aller Töne zu verwirklichen. Wie unglaublich zart muss dieser anfängliche Augenblick sein? Wie still und unberührbar seine Quelle?

Aber mit fortschreitendem Alter wurde ihm klar, dass dieser Ort eine Fantasie war und wie jede Fantasie eine Korrektur der mangelhaften Wirklichkeit. So war seine Suche nach immer subtileren Ausdrücken, immer feineren Notizen seiner Umwelt von einer unausgesprochenen Sehnsucht nach Liebe begleitet, die sich, unerfüllt, ins Extrem verkehren musste. Ein Extrem, in dem sich hellseherische Ahnungen und Intuitionen mit fantastischen Ausschweifungen mischten, mal die Wirklichkeit bis in ihre zartesten Nuancen abbildend, mal sie übersteigend. Dieses Übersteigen brachte ihn in die eine oder andere heikle Situation. Weshalb er damit begann, die Welt des Potenziellen gänzlich zu meiden. Dort nach Verbindungen zu suchen, konnte ja neben den verzückenden Resonanzmomenten auch paranoide Gebilde auf den Plan rufen. Und letztlich waren die Verbindungen ja auch unendlich fragil.

Seine Suche nach dem zartesten Ort verkehrte sich – er war eben ein Mensch der Extreme, ein Entdecker- und Erfinder – in eine Suche nach der schwersten Materie im Universum. Etwas, das so herabdrückend war, dass es nichts mehr außerhalb geben würde. Ein Reiz, der alle anderen möglichen Reize verdrängte. Eine unendlich wuchtige Verdichtung alles Denkbaren. Oder ein Zustand restloser Erfüllung. Die Verwirklichung und Tat als lückenlose Verdinglichung des Willens. Eine unteilbare Präsenz als die Handlung ohne Zögern. Die Aufhebung der Angst.

Seine Suche nach der schwersten Materie des Daseins beförderte ihn in einen wortlosen Tunnel. Eine Welt, in der Notwendigkeiten walten, die niemand fliehen kann. Es war eine Welt des maßlos Konkreten, wo es kein Wenn und Aber, keine Unsicherheit und Zweigleisigkeit gab.

Etwas Unvorhergesehenes passierte. – Er war immer davon ausgegangen, dass der Wahnsinn haltlos ist, die Vernunft haltgebend. Er hatte seit jeher gedankenlos vorangestellt, dass die Ordnung rahmt, während das Chaos wuchert. Dass die Instinkte planlos walten, während der Kopf in Bahnen lenkt. Aber darüber vergaß er schnell die höhere Ordnung, die das undurchdringliche Dickicht der Intuition dann und wann verrät. Die einfache Einsicht, die zwar jeder gesteht, aber die nur selten zu Bewusstsein kommt: dass es Kräfte gibt, die den menschlichen Geist übersteigen. Ja, man kann nach unten gehen, in Schoß und Eingeweide der Existenz und im Augenblick vergehen. Man kann sie verteufeln, diese Kopflosigkeit. Man kann sie vergöttlichen, als das ewig Anwesende. Archaische Triebkraft und unbewusste Bewegung. Aber man kann auch nach oben gehen, von wo aus die eigentliche Kopflosigkeit jeden Kopfes augenfällig wird. Die Ordnung als das partielle Chaos einer viel umfassenderen Ordnung. Der Wahnsinn als Vernunft.

In dieser Einsicht fand er die schwerste Materie im Universum als das Äußerste, nämlich als Notwendigkeit.