Er war es seit jeher gewöhnt, die Dinge und Geschehnisse durch eine Lupe in den Blick zu nehmen. Wobei Interesse und Argwohn sich stets in ihm abwechselten und hin und wieder ununterscheidbar vermischten. Man könnte, um ihm zu schmeicheln, sagen, er sei schon ein aufgewecktes Kind gewesen, immer wachsam, beobachtend, vorsichtig lernend. In Wahrheit aber, so würde er es selbst beschreiben, wenn man ihn danach befragte, war in seiner Beobachtungsgabe eine unzähmbare Widerspenstigkeit enthalten. Ein Eigenleben und guter Geist gesichtslosen Widerstands, der alles, was sich begab, in eine kontrollierbare Ferne rückte und das, was zu ihm selbst gehörte, bewahrte. Ohne Wenn und Aber. Eine viel zu früh aufgekeimte innerliche Rebellion gegen seine Umwelt und den natürlichen Hang zur Mimikry.
So war es ihm beispielsweise möglich, beim Ansetzen der Lupe, beinahe zu erkennen, auf welche spezifische Art und Weise das mannigfaltige Bewusstsein einen einzelnen Körper bewohnte. Wobei ein und dieselbe Bewegung, im Detail physisch nicht zu unterscheiden, in tausendfachen Rhythmen durch das Bewusstsein bevölkert sein konnte. Sobald ein Organismus zur Welt kommt, ist es vor die allgemeine Aufgabe gestellt, das unendliche Bewusstsein in eine Ordnung zu bringen, zu vereinzeln, an die Glieder und Empfindungen zu heften, und die tänzerische Flut von Bildern, Gedanken und Sinnesreizen in ein System zu bringen. Eine äußerst frühe kulturlose Art der Charakterbildung und Organisation. Die eben in manchen Fällen, aus guten Gründen, entschließt, die Selbstorganisation der Nachahmung voranzustellen.
Eines Tages zog es ihn in den Wald. Wie gerne legte er seine Lupe über die Rindenstruktur eines Baumes oder die Gräser einer Wiese. Es gab so Vieles zu entdecken und erkunden. Er fühlte sich in vollkommener Harmonie mit seiner Umgebung. Die vom Tageslicht erhellten Ereignisse des Waldes waren ihm eine tänzerische Form des Ausdrucks, der er nur zu gerne bei ihrer Aufführung zusah. Die Verzückung darüber durchfuhr seinen ganzen Körper und durchwärmte ihn restlos. Bis schließlich etwas Unvorhergesehenes aus einem morschen Baumstamm hervortrat, der auf dem Boden lag. Es formierte sich eine Gestalt, die in undefinierbarem Rhythmus Hicks- und Klicklaute von sich gab und schattenhaft die Züge eines Zwergwesens annahm, nur um im nächsten Moment und bei genauerer Betrachtung aus tierähnlichen Formen sich zusammenzusetzen. War es ein Waschbär? Oder ein Fuchs? Oder eine Spitzmaus?
Das war eine einmalige Gelegenheit! Rasch zückte er seine Lupe, um dieses namenlose Wesen, das jetzt einem alten kleinen Mann glich – irgendwie hatte es weiße zottelige Harre, die in alle Richtungen abstanden – in den Blick zu bekommen. Doch unmittelbar in dem Moment, in dem er sein Werkzeug in die Höhe streckte, wurde es ihm entrissen. Das wie wild umhertänzelnde Etwas war schneller als er und bekam zu greifen, was sonst niemand bisher schaffte: seine Lupe. Mit einem Mal war es also nicht mehr er, der zusah, sondern dieses ulkige kleine Wesen. Blitzschnell kam das Werkzeug zum Einsatz. Er sah sich nun zum ersten Mal gesehen. Was auch immer es war, was dort schaute. Wie auch immer dieser Moment möglich war, irgendwie ereignete er sich dennoch. Es entstand eine kurze Pause, eine eigenartige Stockung.
Urplötzlich fühlte er sich erkannt und sprang, ohne zu Zögern, gemeinsam mit diesem trollartigen Wesen auf den von Herbstblättern bedeckten Waldboden, um sich ungehemmt zu wälzen und zu wenden, zu drehen und zu wüten, zu schleudern und zu springen. Das Wesen begann nun in einem unüberhörbaren Ton feierlich und ausgelassen zu rufen:
Higgalou
Higgala
Higgalou
Higgalou
Higgala
Ha