Grünblaue Blume

Was sie kaum ahnte, oder zu ahnen glaubte oder glaubte, zu vermuten war, dass irgendwo im stillen Ungesehenen, in tiefen düsteren Gewässern eine Blume gewachsen war, die zum Licht strebte und immerfort zum Licht. Und eines Tages würde sie die Ozeandecke überschreiten und ihr Blumenkleid offenbaren.

Grünblaues Pflanzengewand, das nach der Sonne strebt, durstig, sehend, hoffend dem Leben gegenüber. Weiter, nicht rasend, nicht hastend, entthront, entsattelt, Schrei aus der Tiefe. Schwere, teils finstere, teils strahlend weiße, immer dicke Wolken spiegeln sich auf funkelnd wogenden Wassermassen. Maßlose Weiten, verloren einst und wieder verloren, verirrt und ohne rettenden Faden, versagt unter der Last der Aufgabe.

Aufgabe. Neuanfang. Entfesselte Urkräfte, die wie wild zum Abend galoppieren. Verwirrt bis zur Unkenntlichkeit und ausgesetzt der Anklage, schrankenlose Klage, gegen die Stärke, gegen den Willen, gegen die Sprache, gegen die Trauer, gegen die Anwesenheit und das Dasein, selbst noch gegen die reinigende Wahrheit der Tränen. Eine Klage also gegen das Leben und die Liebe. Was könnte schon einer solchen Klage standhalten?

Und doch: Irgendwo im Morast dieser endlosen Dunkelheit, unter dem Druck und der Fülle jener ungeheuerlichen Fluten ein winzig kleiner Trieb. Nicht hier, sondern dort, im Ungesehenen, lange wachsend, gedeihend ohne Gärtner, aufwärts trachtend. »Licht wird kommen«, sich selber zuflüsternd, »Licht wird kommen«. Und sie behält Recht, diese irrwitzig kleine Wesenheit.