Erdwurm

An seinem Lieblingstag buddelte er im Garten und pflügte mit seinen Händen die regennasse Erde um. Allerlei Kleintiere traten hervor und die Bewegung im Gartenboden war unendlich. So viel Leben im Bauch dieser unscheinbaren Erde, dass ihm beinahe schwindelig werden konnte. Komisch! Eigentlich hatte er noch gar keine richtige Vorstellung von den Wochentagen und der Kalender war für ihn mehr ein abstraktes Kunstwerk als ein System zur Orientierung. Er war eben noch sehr klein. Und doch waren die noch kleineren Hände dieses Menschen imstande dazu, diese Arbeit an der Erde zu verrichten.

In der Tiefe des Gartenbodens entdeckte er – neben der Tatsache, dass das Fundament, auf dem er sich stets fortbewegte, keine ruhende Masse war, sondern wildes Leben, das unvorhersehbare Bahnen zieht – einen kleinen Wurm. Wenngleich der Wurm sich scheu wandte und krümmte, war es unverkennbar, das die Sonnenstrahlen, die durch die aufgebrochene Erddecke unverhohlen hineinströhmten, seine Neugier beflügelten. Und so ereignete es sich, dass die vorsichtigen Handbewegungen des jungen Menschen mit den strukturlosen Schleichbewegungen des Wurms in Berührung kamen.

Obwohl er wusste, dass sein (alleinerziehender) Vater solche Würmer, von denen die regennasse Erde unzählige beherbergte, gerne in einem Glas sammelte, um sie schon bald als Angelköder zu verwenden, entschied er sich dagegen, jenen Wurm ins Glas zu bringen. Irgendwie war ihm dieser Wurm ans Herz gewachsen. Er wollte weder, dass ein Haken ihn durchbohren, noch, dass er zur Mahlzeit eines Fisches werden würde. Wer würde dieses kleine Wesen beschützen, wenn nicht er? Wo findet dieses verletzliche Leben jemanden, der ihm Obhut gewährt? Ihn ins Haus zu bringen, wäre viel zu riskant. Er entschied sich deshalb, einen schönen und nahrhaften Ort in der Erde zu finden, an dem sich das Kleintier ersichtlich wohlfühlte. Dort könnte es wohnen, bis schließlich erneut ein weiterer Lieblingstag anbrechen würde, und er zum wiederholten Male buddeln könnte, um seinen Freund zu grüßen.

Er hielt seinen Plan für wasserdicht. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den wehrlosen Wurm zu schützen, koste es, was es wolle. Nur – so wurde ihm jetzt bewusst – um den Preis, dass er ihn nicht wiederfand. Der Platz, den er für ihn gefunden hatte, war so tief in der Erde, dass dahin keine Hand reichte. Auch nicht seine eigene. Und so verwandelte sich sein durch die erfolglose Suche trauerndes Gesicht in ein glückliches, weil sein Plan schließlich aufgegangen war: Der Wurm überlebte!