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Die Tochter der Berge

Zwischen Vater und Geliebten ist sie geraten. Wie schon so viele vor und nach ihr. Nur war ihr Vater Daksha, ein Rechtschaffener und Regelgetreuer, einer, mit dem sich nicht verhandeln lässt. Und wer, um Ordnung zu schaffen, zum Unverhandelbaren greift, ruft Willkürherrschaft, Diktatorentum und unhintergehbare Autorität auf den Plan. Jetzt ist der Raum besetzt mit jenem steinernen Diktum, das einzig und alleine »Ich« sagt und kurz darauf auch »will« und nichts anderes kennt und duldet außer Befehl und Gehorsam. Wer diese Ordnung braucht, um nicht verrückt zu werden, hat wohl das beschränkende Maß der Naturzyklen verlernt … die Jahreszeiten, Wellenschläge, Sonnenaufgänge, Zähneputzen, Meditieren. Aber lieber Willkürherrschaft, Befehl und Schläge statt verückt zu werden. So scheint es.

Vor kurzem viel auf Kleinanzeigen verkauft. So auch die Waschmachine. Unversehens einen etwa zwei Meter großen Mann in der Küche stehen gehabt. Wild gestikulierend. Ungehemmter Redefluss, Arme und Beine umherwerfend, von den Kürbissen erzählend, die ihm die Migranten klauen. Sein Körper breit, riesig, raumgreifend. Seine Artikulation impulsiv und ohne erkennbare Struktur. Er könne das ja gut verstehen, wenn er jemanden umgebracht hätte, würde er auch nach Deutschland abhauen, es sich hier gut gehen lassen und von rechtschaffenen Bürgern Kürbisse klauen. Er wolle es ja gar nicht aussprechen, aber was wir wieder bräuchten, ja wirklich wieder bräuchten, sei ein Hitler …

Ihr Vater, Daksha, verstand sich nicht mit ihrem Geliebten. Denn der war Shiva, ein Regelloser, Wilder, kosmischer Tänzer. Mag sein, dass er ihn tolerierte, irgendwo als ferne Gestalt, aber zu seinem Fest einladen wollte er ihn nicht. Was für eine Schmach! Shiva gleichgültig. Ein Schamloser, gern gesehener Dauergast auf dem Fest der Existenz. Aber sie, Sati, auf ewig zerrissen. Eine Liebende, eine, die Bande knüpfen und das Unvereinbare vereinen will. Hingabe, heiße Leidenschaft, endlich Brücken schlagen, endlich verstehen und im Schoß der Schöpfung zusammenführen, als Shakti-Gestalt. Aber Vater und Geliebter unvereinbar. Brennende Liebe, rasende Wut, tobende Urkraft der Vereinigung. Entfesselte monologische Liebe. Sati geht in Flammen auf und verbrennt sich in ihrem eigenen yogischen Feuer. Zerrissen zwischen Nomos und Ekstase.

Shiva haltlos und außer sich vor Wut, versunken in allumfassende Trauer. Was gehen ihn schon Bräuche, Riten und gesellschaftliche Normen an? Nichts und wieder nichts. Was hat er mit Vergänglichem, Status, Schein und Macht zu schaffen? Nichts und wieder nichts. Und was ist ihm autoritäres Gebaren und das scheinbar Unverhandelbare? Nichts und wieder nichts. Doch die Liebe Shaktis? Alles.

Exzessive Trauer, die den Kosmos bedroht. Den Leichnam seiner Geliebten auf den Schultern tragend, einen Zerstörungstanz tanzend, Tandava. Lange Zeit umherirrend. Ordnungsloser Wahnsinn, entgleist. Bis die natürliche Ordnung ihn wieder auffängt, entlastet und zur Ruhe bringt. Maßlose Ruhe, Weltentsagung und narkotisierter Traumrausch im Wiegenlied. Bis sie wiederkommt, die Liebende. In neuer Gestalt, als Parvati, die Tochter der Berge.

Parvati vertraut den Naturzyklen, meditiert ohne Diktum, sucht die Askese als Ungehorsame. Ihr Gesetz ist Liebe, ihre Triebkraft die Kraft zur Vereinigung. Einst zerrissen, in den eigenen Flammen aufgegangen, erst Asche geworden, dann neu, sucht und findet sie ihren Geliebten im Nirwana und holt ihn auf den Boden, auf fruchtbare Wiesen. Unaufhörliche Ver-handlung, Bewegung, verworfene Prinzipien, gebrochenes Gesetz, Dialog, Tanz, aufgegebene Wahrheiten, neu Gesehenes – in den Armen ruhender Berge.

So ungefähr der Mythos. Jedenfalls der Teil, wie man ihn sich bei Tageslicht erzählt. Irgendwann flüsterte mir, zu später Stunde, in einer verlassenen Bar, eine alte Frau, nach drei bis vier Bier, lallend ins Ohr: »Die wenigsten wissen, wie tief Parvati wirklich in den Urgrund hinabgeschaut hatte. Prost! Ich vermute, es soll auch niemand wissen, vor allem ihr Männer nicht, dass Shiva nur einer von vielen Geliebten Parvatis war.« Dabei hielt sie sich die Hand vor den Mund, ihr Schmunzeln verbergend. Doch ihre glänzenden Augen verrieten ihr seliges Wissen. Nachdem ich ihr die Geschichte von meinem Kleinanzeigen-Besuch erzählt hatte, entgegnete sie mir mit eben jenem seligen Schmunzeln, ich hätte ihm auf seine Aussage hin, dass wir wieder einen Hitler bräuchten, antworten sollen: »Wir brauchen sogar zwei!« (Achja, und man erzählt sich auch, Parvatis Sohn, Ganesha, der süße Gott mit Elefantenkopf, sei in Abwesenheit Shivas entstanden, indem sie ihn aus Lehm geformt habe. Aha, »aus Lehm geformt«, ist klar! –). »Prost!«, erwiederte ich und erhob mein Glas.