a huge root system

Dem Tod von der Schippe springen oder eher die Zeit als Wurzelwerk?

Vielleicht hast du es auch schon einmal erlebt oder kennst Menschen, die es erlebt haben? Irgendwas hat dich dazu bewogen, ein Risiko einzugehen? Oder du bist in eine brenzliche Situation hineingeraten, die auch ganz anders hätte ausgehen können? Ein Unfall hat sich ereignet, der die Auslöschung deines Lebens für einen Moment fühlbar hat werden lassen? Dann bist du dem Tod gerade noch so von der Schippe gesprungen!

Wenn wir die Linearität und Singularität der Zeit als ein Konstrukt, ein Ordnungsschema, eine Ausprägung des Lebendigen betrachten, dann könnte eine andere Wirklichkeit auch eine ganz andere Zeit walten lassen. Jede Weggabelung könnte in der Unordnung dieser anderen Zeit eine wirkliche Verdopplung sein statt eine vorgestellte. Wie die Wurzeln eines Baumes in den Boden wachsen, würde eine solche Zeit in die Zukunft wachsen. Überall, wo wir uns entscheiden, fühlen wir die Wirklichkeit in die Richtung drängen, für die wir uns entscheiden. Die anderen Optionen verfallen. Aber vielleicht tun sie das nur für unsere begrenzte Empfindung?

Wie kommt es, dass du diese Zeilen hier lesen kannst? Nach all den vorangegangenen Weggabelungen? Vielleicht bedeutet zu Leben, sein Wirklichkeitsempfinden gerade an den Wurzelstrang zu heften, der weiter wächst? Die großen Entscheidungsfragen, die glücklichen Momente des Überlebens, wo wir dem Tod gerade noch so von der Schippe gesprungen sind, hätten nichts mit Motivation zu tun, sondern wären nur die natürliche Ausrichtung des Bewusstseins. Die Ausrichtung auf eine als linear und singulär erlebte Zeit zugunsten des Weiterlebens.

Vielleicht bist du auch schon gestorben? Unzählige Male? So wie etliche Zellen im Verbund und in der Einheit deines Körpers am laufenden Band sterben und die Synthese deines lebendigen Organismus’ dennoch bestehen bleibt, könnten viele Einzelversionen deiner selbst in der Unordnung einer pluralen Zeit bereits gestorben sein. Nur, dass das Bewusstsein meistens den Schritt nicht wagt, von der Zelle zum organischen Ganzen zu transzendieren, vom einzelnen Wurzelstrang auf die Gesamtheit des Wurzelwerks.

a person consists of really much cells.

Diese Theorie hat weitreichende Konsequenzen, denn sie untergräbt die Grenzziehung zwischen Leben und Tod. Eine Grenze, die nicht mehr nur physikalisch schwer exakt festzulegen wäre, sondern auch im Raum der Ideen und des Bewusstseins diffus werden würde. Erst da, wo sich die grenzziehende Beobachtung einschaltet, wird Leben von Tod getrennt. Erst, wenn die Zeit als einzelner Strang in der Erfahrung realisiert wird, wird auch die Grenze konkret. Lässt man die Katze im Schatten, ist sie beides: lebendig und tot.

Mal angenommen, die Theorie stimmt oder besitzt einen Wahrheitskern, dann wäre Leben unglaublich fragil. Überall fänden Ausprägungen des Lebens ein jähes Ende. Allerorts würden Wurzelstränge aprubt auf undurchdringliches Gemäuer stoßen und ihre Arbeit der Vertiefung wäre beschlossen. Aber sogleich wäre das Bewusstsein auch dazu imstande, eben dorthin seine Aufmerksamkeit auszurichten, wo keine Mauer ist, wo die Arbeit der Vertiefung sich fortsetzen darf, wo kurz: Leben weiter ausströmt.

Es wäre unzweideutig, dass du gerade das Leben weiter erfährst, in dem du auch weiter lebst. Dass du – ganz natürlich – dort dich heimisch fühlst, wo du dem Tod gerade noch so von der Schippe gesprungen bist. Der Rest bleibt im Schatten. Aber vielleicht ist gerade da, wo in deiner Welt die Schatten sind, eines anderen Heimat? Vielleicht ist das Ende eines lebenden Organismus, hier, nur der Abzug dessen Aufmerksamkeit, die ganz woanders, dort, ein neues Zuhause gefunden hat? Wo du in anderen Welten Enden finden musstest, fanden Andere ihre Entfaltung. Und wo du dich entfaltest, finden Andere ihr Ende

Und doch, letzten Endes, zerfällt auch die Synthese des gesamten Organismus’, sobald die Vielzahl seiner Zellen stirbt. Das Ende aller Dinge ist auch das Ende des Wurzelwerks, des Baums und darüber hinaus auch all jener Gesamtheiten, die ein unendliches Transzendieren hervorbringen kann. Hier kann man nur nichts sagen oder, wie der Religionsphilosoph Knud E. Løgstrup irgendwo tröstend festhält, sich der intuitiven Gewissheit anvertrauen, dass nicht die Vernichtung, sondern die Entstehung das letzte Wort hat.