Was sind das für Stimmen, die einem da entgegenraunen, vor allem, wenn das Smartphone leuchtet: Du genügst nicht! Werde fitter! Werde gesünder! Werde besser! – Anteile der eigenen inneren Welt? Frühkindlich verinnerlichte Erfahrung der Maßregelung, jetzt verwandelt in eine perfekte Andockstation für die in den Untiefen von Medien und Politik kursierenden Imperative? Also selbst schuld?
Bodybuilding- und Fitnesshype
Vor etwa zehn Jahren hatte der Bodybuilding- und Fitnesshype seinen Höhepunkt. Damals schon hatte sich abgezeichnet, dass, durch die Veränderung der Medienlandschaft und der Gesellschaft, Bodybuilding nicht mehr nur etwas für die Exoten im Gold’s Gym in Hollywood ist, sondern für jeden. Das war auch schon in den 80ern so. Selbst in der Anfangszeit des Bodybuilding, wo Pioniere wie Eugen Sandow dem Ideal griechischer Statuen nacheiferten und die Massen dem Körperkult frönten. Von der frühkindlich verinnerlichten Stimme der Maßregelung beherrscht, geradezu geplagt, hielt selbst ein Schriftsteller wie Franz Kafka am strengen Plan einer die Gesamtheit des Körpers in Beschlag nehmenden Fitnessroutine fest – »selbst«, weil der Schriftstellertypus als Kreativer mehr die Assoziation der verlotterten, leicht entrückten Nachteule mit Alkoholproblem hervorruft als die des tüchtigen Sportlers. Vor allem bei Kafka.

Und doch wird deutlich, wenn man sich einmal die in die Tiefe reichende Präzision der Techniken, der durch Ernährungswissenschaften angereicherten Ratschläge zum Muskelaufbau und die Vielzahl der medial kursierenden gestählten Torsi anschaut, dass die Wahrnehmung dessen, was als Durchschnitt gelten darf, sich verändert haben muss. Heute so auszusehen wie damals Eugen Sandow gehört zur Mindestvoraussetzung eines jeden Hollywoodstars.
Auf den Hype, der vor etwa zehn Jahren seinen Höhepunkt hatte, folgte – wie das so mit Hypes ist – auch die Kritik. Sport mag gesund sein, aber was machen die unzähligen Bilder der durchtrainierten Top-Athleten mit dem Körperbild junger Menschen? Was macht die kapitalistische Steigerungslogik mit der psychischen Gesundheit, wenn sie in solcher Vehemenz die Körper vereinnahmt? – Und was dann passiert ist, ist spannend!
Von der Oberfläche zur Tiefe
Zahlreiche Fitness-Youtuber und -Influencer sind umgesattelt. Dem reinen Körperkult zu frönen war nicht mehr on vogue. »Oberflächlicher Optimierungswahn«, »selbstzentriert«, »narzisstisch« und ja, sogar »ungesund« hieß es jetzt vermehrt. »Werde fitter!« – »Lass mich damit gefälligst in Ruhe, es gibt tausend Autoritäten und Etiketten, die mich mittlerweile davon freigesprochen haben«. On vogue wurde jetzt – wie sollte es auch anders sein – wieder einmal die Seele. Die ist ja nicht oberflächlich. »Das Kind in dir muss Heimat finden« raunte es einem jetzt imperativisch über Jahre hinweg aus den Bestseller-Regalen der Buchhandlungen entgegen. Das Kind »darf« nicht, es »muss« Heimat finden. Wie gewieft! Wie erstaunlich! An der Oberfläche der muskulösen Körper enttarnt, findet die imperativische Stimme neue Wege, neue Zugriffe. Zu Stefanie Stahls Bestseller gab es auch bald schon das passende »Workbook«. Hiermit kann jeder, nein, muss jeder seine Psyche trainieren, wie einst seine Muskeln.

Fitness-Influencer wurden Coaches. Wo die Schlagworte ehedem »Lower-Upper-Split« und »Intervallfasten« waren, hieß es jetzt »Gewaltfreie Kommunikation« oder »Ich-Botschaften«. Nein, das ist jetzt aber wirklich gesund und uneingeschränkt gut für alle! Nicht oberflächlich, nicht selbstzentriert. Unmerklich schlich sich wieder einmal der faschistoide Wahn des »Reinen« und »Gesunden« in die Köpfe ein. Die unzerstörbare Geißel der imperativischen Stimmen ist die Idee des Normalen und Gesunden. Und die unmerkliche Arbeitsweise dieser Geißel ist die Androhung des systematischen Ausschlusses. Werde eine »Green-Flag«, damit du nicht alleine bleibst! Kommuniziere so und so, denke so und so, handle so und so, sonst – Achtung! Erwischt! – gehörst du nicht dazu.
»Bindung« und »Resonanz« sind der neue Arnold Schwarzenegger, denen wir hinterhereifern dürfen. Ein Lauch ist, wer »bindungsgestört« ist und »resonanzlos« durch die Welt geistert. Jeder ist betroffen. Von »Normalgestört« ist die Rede: ein Wortungeheuer, das die dualistische Funktionsweise der Geißel in Betrieb hält. Da hängt etwas Unreines dem »Normal« an: »Normalgestört«. Etwas, das bearbeitet und ausgerottet gehört, gesäubert. Und zwar nicht mehr nur im narzisstischen Dialog zwischen dem Gym-Enthusiasten und seinem Spiegelbild, sondern zwischenmenschlich. Die als oberflächlich enttarnte Insel des Bodybuilders hat die Pforten geöffnet für die Politisierung eines – so scheint es – unaufhaltbaren und ungemein gefährlichen Dualismus: dem zwischen dem unerreichbaren Ideal des Normalen und der permanenten Bedrohung des Ausschlusses.
Die Kehrseite des allzu gut Gemeinten
Wir sind noch immer auf dem Schulhof. Wollen zur Gruppe der Angesehenen dazugehören. Theorien, Aussagen, Ratschläge, Hilfsangebote und Handreichungen, die eine implizite oder explizite Idee des Gesunden und Normalen vertreten, und sich an eine Gruppe richten, sind faschistoid. Sie sind die sublime Wiederholung einer archaischen Reinheits- und Sicherheitsfantasie, die – wer die Geschichte kennt, kennt die Gefahr – katastrophale Auswirkungen haben kann. Sie sind gerade deshalb so gefährlich, weil in ihnen das Ideal lächelnd die Hand reicht, der Ausschluss ungerne gesehen wird. Sie sind gerade da gefährlich – wie klug –, wo sie sich vergesellschaften, wo sie die Kommunikation betreffen, das Miteinander adressieren. Wo sie letztlich den Anschein der kollektiven Heilung und Befriedung machen. Wer möchte hier schon die Kehrseite sehen, die Schattenseite? Wer möchte in die unkontrollierbaren Abgründe gehen, die sich auch im Gutgemeinten auftun?
Wenn jemand sich gesund ernährt und Sport treibt, sei es vor dem Spiegel oder in der Gruppe, ist das doch gut? Wenn jemand lernt, gesunde Grenzen zu setzen, seine destruktiven unbewussten Handlungen zu entlarven und gewaltfrei spricht, ist das doch gut? Wenn jemand für sein inneres Kind eine Heimat findet, ist das doch gut? Ja, ja und nochmal ja! Das ist es total und gerade deshalb ist es auch total gefährlich. – Noch einmal gesagt: Es wird gefährlich, wenn der sublime Dualismus vom Gesundheitsideal und dem darin verdrängten Ausschluss die Bühne des Zwischenmenschlichen betritt. Noch nicht so sehr, wenn er sich im Ping Pong der vereinzelten statuenhaften Oberfläche des Bodybuilders verausgabt oder in dem Dialog, den ein Künstler mit seiner Leinwand führt, ein Gärtner mit seiner Pflanze.

Ob jemand einen großen Bizeps hat oder nicht, geht jeden selbst etwas an. Wer hier kommentiert oder beurteilt, bewegt sich auf gefährlichem Terrain. Übergriffig und oberflächlich zu sein, gilt es zu vermeiden. Jedenfalls ist es ein heißes Eisen. Kopfhörer auf, Blick in den Spiegel und jeder im Kampf mit sich selbst, seinem eigenen Anspruch und dem Gewicht. Ob jemand dagegen vergisst, in »Ich-Botschaften« zu kommunizieren, den Blickkontakt zu lange oder zu kurz hält, seine Werte noch längst nicht geordnet hat oder die nächste Red-Flag-Aktion vom Zaun bricht, geht – so scheint es – jeden etwas an. Hier wird am laufenden Band beurteilt und kommentiert, eine mediale Sintflut von Standards und Normen. Rette sich, wer kann!
Sehr stille Post
Wenn sich Theorien, Schlagworte und Konzepte aufschwingen, ist deren Inhalt und Versprechen die eine Seite. Die andere Seite ist die ungeplante Wirkung innerhalb eines die Individuen übersteigenden Gefüges. Worte wandeln sich unaufhörlich und wo »Bindung« im ersten Moment noch etwas Gutes verhieß, wird es im Lichte all der anderen Wörter, die die Bühne des Zwischenmenschlichen bevölkern, neu: sehr stille Post. So wird aus der ursprünglichen Idee eines reichhaltigen und lebendigen Verhältnisses zwischen Menschen (»Bindung«) schnell die entleerte Anzeigetafel von dem, was richtig und was falsch ist. Der Glaube an die gelingende stille Post ist elitär. Aus der gut gemeinten Handreichung wird der Knotenpunkt eines Dispositivs. Ob man das nun will oder nicht.
Wo es zunächst noch darum ging, den Dualismus von Gesundheitsideal und drohendem Ausschluss an die einzelnen Körper und deren Grenzen zu binden (Fett verlieren, Muskeln aufbauen), hat er sich mit der Verschiebung zur Psyche hin unbemerkt entgrenzt und wurde – in den Worten der Psychoanalyse – trianguliert. Wo der Körper eine konstruierte abgeschlossene Einheit ist, ist die Psyche die konstruierte Brücke zwischen Individualität und Miteinander. Sie ist, was die medial kursierende Flut an Imperativen betrifft, eine Schleuse. Das Psycho-Dispositiv hat die Bühne betreten!
Verachtung
Aber sind die Weisheiten der Psychologie nicht gerade hilfreich, um die Gefahren von Gesundheitsideal und Ausschluss zu entkräften? Eine harmonische Vermittlung zwischen der Regulation und den Triebkräften zu bezwecken? Gerade die Projektion eigener Befindlichkeiten auf eine illusorische Bühne der Welt an das Individuum zurückzubinden? Wieder einmal: ja, ja, ja, total! Aber die Geschehnisse zeigen doch auch, dass ein Wort niemandem gehört. Dass ein Konzept innerhalb seines Dunstkreises sich als heilsam erwiesen hat, aber außerhalb unaufhaltsam eine andere Wirkung tut. Dass die Idee, Dunstkreise abriegeln zu können, an sich schon illusorisch ist.
Der schleichende Übergang medial kursierender Imperative vom Körper hin zur Psyche bereitet mir jedenfalls Gänsehaut. Denn das, was hier im Dunkeln bleibt, das, was niemand so gerne sehen will, die Triebfeder des ungesehenen Ausschlussverfahrens einer gut gemeinten Kollektivierung, ist die Verachtung.
Kläglicher Versuch eines konstruktiven Nachtrags
Ich habe einen guten Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, um Feedback zu diesem Text gebeten. Er hat mich darauf hingewiesen, dass man nach dem Lesen doch etwas »im Regen stehe« und – wie bei vielen meiner Texte – mit »den Problemen der Welt alleingelassen« werde. Eine konstruktive Wende gegen Schluss würde den Leser nicht mit einem resignativen Gefühl zurücklassen. Eigentlich scheue ich mich davor, Behauptungen darüber aufzustellen, was zu tun ist oder was das Richtige ist. Gerade, um zu verhindern, ein neues Angebot der Kollektivierung zu unterbreiten. Wenn ich aber über meinen Schatten springe und einfach mal Neuland betrete, dann ist meine konstruktive Wende:
Den Druck aus dem Kessel nehmen. Wie das? Der Normierung und dem Gesundheitsideal entgegensteuern mit Toleranz. Nicht bloß gegenüber Identitätsmarkern, sondern gegenüber dem Verhalten. Den Außenseiter in uns und anderen annehmen. Aufwertung des Randseitigen, der Ecken und Kanten und des Abfalls, des Zerfalls und des Unheilbaren. Lieber ein bisschen Gestörtgestört werden als zu Normalnormal. Und dann – das ist die unangenehme und scheinbar wenig konstruktive Voraussetzung – den eigenen blinden Fleck erhellen, der den Zusammenhang von Ekel, Verachtung und zugrundeliegender Todesangst bisher verdunkelte. Sich eingestehen, dass das, was wir überall als das Gute und Heilende empfinden, auch ein Kampf ist, den wir nie gewinnen werden. Und Kämpfe produzieren Opfer.
Zum Weiterlesen und Weiterhören:
Phillipe Ariés: Die Geschichte des Todes
Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität
Ralf Konersmann: Außenseiter – Annäherung an eine bedrohte Art